28.09.19

Die Spiegelreisende 01: Die Verlobten des Winters | Christelle Dabos




Am liebsten versteckt sie sich hinter ihrer dicken Brille und einem Schal, der ihr bis zu den Füßen reicht. Dabei ist Ophelia eine ganz besondere junge Frau: Sie kann Gegenstände lesen und durch Spiegel reisen. Auf der Arche Anima lebt sie inmitten ihrer riesigen Familie und kümmert sich hingebungsvoll um das Erbe der Ahnen. Bis ihr eines Tages Unheilvolles verkündet wird: Ophelia soll auf die eisige Arche des Pols ziehen und einen Adligen namens Thorn heiraten. Was hat es mit der Verlobung auf sich? Wer ist der Mann, dem sie von nun an folgen soll? Und warum wurde ausgerechnet sie, das zurückhaltende Mädchen mit der leisen Stimme, auserkoren? Ophelia ahnt nicht, welche tödlichen Intrigen sie auf ihrer Reise erwarten, und macht sich auf den Weg in ihr neues, blitzgefährliches Zuhause.
(Text & Cover: © Insel; Foto: © N. Eppner)


In der Phantastik gibt es etliche ähnliche Geschichten, viele Romane, in denen der Plot sehr gleich klingt, die Figuren ähnlich, der Erzählstil wie nach Norm. Aber zum Glück gibt es auch noch die Geschichten, die so ganz anders sind. Die mich herausfordern, die überraschen und so lebendig erzählt werden, als sei es völlig normal durch einen Spiegel zu reisen oder die Vergangenheit von Gegenständen lesen zu können.

Genau das sind die Fähigkeiten von Ophelia, der unscheinbaren jungen Frau, die ihre Zeit am liebsten in der Bibliothek verbringt und bis dato jegliche Verehrer abgewiegelt hat und allen bisherigen Heiratsanträgen entgehen konnte. Doch nun ist es soweit. Sie muss den Adligen Thorn heiraten und mit ihm auf die Arche Pol ziehen. Aus ihren Büchern weiß sie, dass dies eine vertrackte Situation ist, denn der Pol ist kalt und die Männer dort gleichen gefräßigen Raubtieren. Ob die Begleitung einer Tante als Anstandsdame das wohl ausbügeln kann, sei ebenfalls dahingestellt. Fakt ist: auf der Arche Pol ist alles anders, als auf Ophelias Heimatarche Anima. Und der größte Unterschied ist, dass man sich auf Anima mag und auf Pol scheinbar alle miteinander verfeindet sind.

Der Roman beginnt mit einem ungewöhnlichen Epilog, der Fragment betitelt wurde und als Erklärung der im Buch dargestellten Welt gilt. Angelehnt an die christliche Entstehungsgeschichte der Welt gab es auch in Dabos' dargestellter Welt ein von (einem. welchem?) Gott erschaffene Welt, in der alle Menschen nett zueinander waren und sich als Eins sahen. Dann zerbrach diese Welt. Mehr erfahren wir im Epilog nicht, aber es scheint mir so, dass der Bruch der im Roman dargestellten Welt etwa vergleichbar ist mit Evas Biss in den von der Schlange dargereichten Apfel. Wer nun Sorge hat, dass "Die Spiegelreisende" religiös daherkommt, den kann ich beruhigen, aber ich wage zu behaupten, dass Dabos die ein oder andere Idee an den ein oder anderen Gedanken aus der christlichen Geschichte anlehnt.

"Die Spiegelreisende" ist farbenprächtig und fantasievoll. Es gibt viel zu entdecken und obwohl die Schreibe so locker und flüssig ist, dass ich nur so durch die Seiten fliege, lohnt es sich hier und da näher hinzuschauen. Dabos versteckt ganz viel zwischen den Zeilen, einige Anpsielungen zu altbekannten Geschichten, aber auch kleine Heimlichkeiten, die im späteren Verlauf der Geschichte an Wichtigkeit gewinnen. Ich muss gestehen, dass es für mich noch zwei, drei Unklarheiten gibt, von denen ich aber hoffe, dass sie in den Folgebänden aufgeklärt werden.

"Die Spiegelreisende" steckt so voller Überraschungen wie ein Buch nur vollstecken kann. Es ist nichts (wirklich nichts!) vorhersehbar. Ich bin begeistert von ihrer Fantasie und den Figuren, die sie so konzipiert hat, dass es genügend Personen zum Lieben oder Hassen gibt. Eher Hassen, denn eins ist wirklich sicher: traue niemandem!

Ich freue mich auf die Folgebände der Reihe und kann diesen Auftakt guten Gewissens empfehlen.


Buchinfo:

Insel (2019)
535 Seiten
Hardcover
18,00 €
ÜBERSETZUNG: Amelie Thoma


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

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