24.01.21

[Waldrauschen] Schlafroutine



Schlaf ist mein Endgegner.

Das war in meiner Kindheit schon so. Ich konnte nicht gut einschlafen und wachte nachts häufig auf. Heute ist es so, dass ich gut einschlafe, in schlechten Nächten aber mal locker zwei, drei Stunden wach liege.

In einer Zeitschrift habe ich vor einiger Zeit etwas über die verschiedenen Schlaftypen gelesen. Ich werde dort als Delphin beschrieben. Die Bezeichnung beinhaltet, dass nur eine Gehirnhälfte abgeschaltet wird, dass ich vom kleinsten Geräusch wach werde, um die Gruppe vor Gefahr zu warnen und dass ich mich morgens wie zerschlagen fühle. Ich weiß gar nicht welche der Beschreibungen am besten auf mich passt... Die These stammt von Schlafforscher Dr. Michael Breus.

Schlaf ist so wichtig für Körper und Geist. Zu wenig schwächt das Immunsystem und senkt die Hirnleistung. Zu wenig Schlaf macht mich ungeduldig und senkt meine Toleranzgrenze.

Ich habe eine Routine entwickelt, die mir dabei hilft entspannter durchzuschlafen und die möchte ich euch gerne vorstellen.






Kaffee oder Tee

Meine Einschlafroutine beginnt schon mittags. Nach 13 Uhr trinke ich keinen Kaffee mehr. Das ist sehr schade, denn eigentlich mag ich es nach dem Mittagessen gemeinsam mit dem Mann gemütlich bei einer Tasse Kaffee zu plaudern.


Trinke ich am Nachmittag Kaffee, kann ich davon ausgehen, dass ich nachts unruhig bin. Dass ich häufig aufwache und schlecht zur Ruhe komme. Habe ich am Nachmittag ein Formtief, trinke ich einen Ingwertee oder einen Ingwershot. Die Energiezufuhr ist sehr effektiv, sorgt aber nicht für Unruhe.

Gerne würde ich abends noch einen Tee trinken. Diese wohlige Wärme. Die Gemütlichkeit. Ich mag das sehr, aber dann muss ich nachts zur Toilette und dann ist es mit dem Einschlafen wieder schwierig. Also bleibt es meistens bei simplem Wasser, das auch dafür sorgt, dass ich mich am Morgen fitter und wacher fühle, weil es meine Gelenke in der Nacht gut versorgt.





Bewegung
Oft bin ich abends erschöpft. Geistig erschöpft. Tagsüber musste ich 30mal sagen "Wir malen nur auf Papier!", zig Fragen beantworten und den Alltag, Termine und Arbeit managen.

Die Erschöpfung sorgt häufig dafür, dass mir schon beim Lesen auf dem Sofa am Abend die Augen zufallen, aber richtig müde macht sie mich nicht. Ihr könnt es euch vielleicht schon denken: nachts holt es mich wieder ein. Was mir wirklich hilft, ist mich einmal am Tag auszupowern. Am besten an der frischen Luft. Fühle ich mich schon sehr erschöpft, ist ein Spaziergang eine sehr gute Alternative.

Ausreichend Bewegung an der frischen Luft hält das Gehirn fit, stärkt das Immunsystem, sorgt für gute Laune und hilft besser zu schlafen. Stress wird in Bewegung besser abgebaut und deshalb fällt es dem Körper leichter sich zu entspannen. In der Nacht versucht er die durch Bewegung verloren gegangene Energie zu kompensieren und fällt in einen tieferen und damit auch erholsameren Schlaf.





Gedanken aufschreiben
Gedanken zu Papier bringen bedeutet meist sie aus dem Kopf zu haben. Alles was erledigt werden muss, kann notiert werden. So liegt es am nächsten Morgen direkt bereit und ich muss keine Sorge haben etwas zu vergessen.

Nicht alle Tage laufen glatt und meistens hilft auch hier sie aufzuschreiben. Ich nutze eine Art Tagebuch. "Ein guter Tag" bietet Achtsamkeitsübungen für jeden Tag. Eine Spalte für Gedanken zum Tag, eine für eine Dankbarkeitsübung und eine, um zu notieren was ich am Tag gut gemacht habe. Es gibt einen Tracker und Raum für Notizen, falls mich ein Thema umfangreicher beschäftigt.

Dort am Abend meine Gedanken aufzuschreiben, hilft mir oft Klarheit zu bekommen und mich von belastenden Themen zu befreien.




Meditation oder Yoga 
Mein großes Problem beim Schlafen sind Rücken- und Gelenkschmerzen. Ich drehe mich so oft hin und her, werde wach, weil meine Schulter- oder Hüftgelenke schmerzen oder meine Arme einschlafen.
Was mir hilft, ist Yoga. Eine ausgiebige Einheit am Morgen oder eine kleine Einheit am Abend. 10 Minuten sind schon ausreichend, um besser zu liegen, um Muskeln zu entspannen und Schmerzen entgegenzuwirken.
Folgt der Yogaeinheit noch eine kurze Meditation, wirkt das wie ein Relaxans auf Muskeln und Gehirn. Die Entspannung der Muskulatur ist grundlegend für eine Entspannung des Geistes (und umgekehrt).




Lesen
Wir wissen es alle und trotzdem ist es oft so schwer: das Handy / Tablet am Abend zur Seite zu legen.
Sitze ich erstmal auf dem Sofa und öffne Instagram, kann ich mich dort verlieren. Eine Inspiration folgt der nächsten. Hier ein Kommentar, dort ein Herzchen und zack - eine Stunde vorbei.

Das blaue Licht der Bildschirme sorgt dafür, dass weniger schlafförderndes Melatonin gebildet wird. Der Kopf bekommt also gesagt, dass eigentlich noch Tag ist und er noch nicht herunterfahren muss.

Ich bin dazu übergegangen abends mein Handy rechtzeitig auszuschalten (gelingt ganz gut) und mein Tablet in einen anderen Raum zu legen (gelingt weniger gut). An beiden Geräten nutze ich den Dunkelmodus, aber mein Kopf kommt trotzdem schlecht zur Ruhe.

Anders ist es beim Lesen. Ein Buch (selbst ein Sachbuch) versetzt dich in andere Welten und lässt dich Dinge des Alltags vergessen. Schon vor Jahren wurde wissenschaftlich bewiesen, dass Lesen für Entspannung sorgt.




Ist schlafen ein Problem für dich oder kommst du leicht zur Ruhe?
Welche Routinen oder Übungen helfen dir dabei besser in den Schlaf zu finden oder tiefer zu schlafen?
Hast du Buchempfehlungen zum Thema?




Text & Fotos: ©2021, Nanni Eppner
 

22.01.21

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster | Susann Pásztor



 

Wie begegnet man einer Frau, die höchstens noch ein halbes Jahr zu leben hat? Fred glaubt es zu wissen. Er ist alleinerziehender Vater und hat sich zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden lassen, um seinem Leben mehr Sinn zu geben. Bei seinem ersten Einsatz möchte er alles richtig machen. Aber Karla, stark, spröde und eigensinnig, arrangiert sich schon selbst mit ihrem bevorstehenden Tod und möchte nur etwas menschliche Nähe – zu ihren Bedingungen. Als Freds Versuch, sie mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen, grandios scheitert, darf nur noch sein 13-jähriger Sohn Phil Karla besuchen, um ihre Konzertfotos zu archivieren. Dann trifft Hausmeister Klaffki in einer kritischen Situation die richtige Entscheidung – und verhilft Fred zu einer zweiten Chance. Susann Pásztor erzählt in ihrem dritten Roman eine berührende Geschichte über die Schönheit des Lebens und die erstaunliche Entwicklung einer Vater-Sohn-Beziehung.
(Text & Cover: © Kiepenheuer&Witsch; Foto: © N. Eppner)

Ausgerechnet in der Woche, in der meine an Krebs verstorbene Mama Geburtstag hätte, greife ich nach einem Buch, in dem es um eine Frau geht, die an Krebs erkrankt ist und daran sterben wird. Es ist die Zeit, in der ich emotional nicht sehr stabil bin und doch lese ich dieses Buch, in dem Sterbebegleitung eine Rolle spielt. Sterbebegleitung kenne ich. Es ist die Zeit, in der ich dabei zusehen musste, wie meine Mama immer weniger wurde. Wie der Krebs sich ihrer bemächtigte und sie von innen heraus auffraß. So wie er es mit Karla macht. Obwohl beide Frauen sehr unterschiedlich sind, habe ich das Gefühl den Weg bis hin zum Tod noch einmal zu gehen. Das schafft Nähe zur Protagonistin, zur Geschichte, und gleichzeitig sorgt es dafür, dass ich mich distanziere. Dass ich den Roman nicht so sehr an mich ranlasse, wie er es verdient hätte.

Es ist eine gute Geschichte. Hoffnungsvoll, ehrlich, direkt, ohne Schmu. Ich mag vor allem die Protagonisten. Karla, die so sehr im Leben steht, obwohl sie weiß, dass sie dieses bald verlassen wird. Die im Reinen ist mit sich selbst und keine verschnörkelte Romantik benötigt, um alte Wunden zu heilen. Fred, der eckig und kantig und rund zugleich ist. Der so gutherzig ist, dass ich ihn immer wieder umarmen möchte. Und sein Sohn Phil, der verkannte Poet, der von der eigenen Mutter keinerlei positive Bestärkung kommt. Sie alle sind so wunderbar individuell. Von solch einer lebendigen Tiefe und Authentizität. Ebenso stark sind die Nebenfiguren, die alle ihre kleinen Macken haben und dadurch so realistisch wirken.

Am meisten mochte ich den Humor der Autorin, der sich so oft in den Situationen zeigt, in denen andere sich nicht einmal trauen würden aufzuschauen. Sie kann eine gewisse Ironie in den Text schreiben, ohne dabei bitter oder bös zu wirken. Gefühle werden sehr echt, sehr greifbar. Pásztors Figuren dürfen alles. Lachen, wann immer sie wollen, weinen, aus sich herauskommen, verzeihen, hassen. Ihr Tonfall ist immer passend. Leise, fast flüsternd, wenn die der unsichere Fred spricht. Klar, direkt, im Fall von Klara.

"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" bekommt eine klare Leseempfehlung. Ich glaube es ist eins der Bücher, die einem breiten Publikum gefallen, weil es so echt, so aus dem Leben ist. Die schwierige Vater-Sohn-Geschichte, die auf Unsicherheiten beruht, und Karlas Geschichte vom Sterben und ihrer Kraft im Reinen zu sein.


Buchinfo:

288 Seiten
Taschenbuch 11,00 €


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner

16.01.21

Backlist lesen | Januar 2021






Im Herbst letzten Jahres habe ich darüber nachgedacht meine Rubrik Fantasy Neuerscheinungen wieder aufleben zu lassen. Ich blätterte durch die Vorschauen der einzelnen Verlage und notierte mir die Bücher, die mich besonders ansprachen.

Wusstest du, dass jeder Verlag halbjährlich neue Programme rausbringt, die jede*r auf der entsprechenden Verlagshomepage durchschauen kann?

Wenn ich alle Verlage, die mir geläufig sind, aufzähle, sind das mindestens mal 50 (inklusive Imprints). Wenn fast jeder Verlag eine Vorschau für Taschenbücher und Hardcover veröffentlicht, das alles halbe Jahr, dann kommt schon einiges zusammen. An Katalogseiten und an Neuerscheinungen.

Früher fieberte ich den neuen Vorschauen entgegen, konnte es kaum erwarten sie auf der Suche nach tollen neuen Büchern, nach Fortsetzungen oder neuen Werken meiner Lieblingsautor*innen zu durchforsten. Mit eben diesem Elan startete ich in die Frühlingsvorschauen 2021. Und brach meine Recherche kurz darauf ab. 

Dass mir in diesem Jahr die Motivation fehlt, um Neuerscheinungen lesen zu wollen, hat nichts mit den Büchern an sich zu tun. In verschiedenen Blogposts, wie z.B. bei Die Liebe zu den Büchern, werden einige der NE's vorgestellt und sie klingen so gut. Aber mich reizen momentan mehr die Bücher, die bereits bei mir im Regal stehen (beim täglichen Yogaprogramm immer im Blickfeld. Ich bilde mir ein, dass sie ein wenig anklagend zurückschauen).




Seit Jahren sammel ich. Mein Stapel (Regale) ungelesener Bücher zählt mehr als 500 Ausgaben (und das ist noch nett ausgedrückt) und genau die Lächeln mich gerade an. Zusätzlich entdecke ich durch diverse Online Lesekreise oder Aktionen immer wieder Backlist Titel, die sich wirklich vielversprechend anhören. Durch die Schnelllebigkeit der Buchbranche habe ich das Gefühl, dass ich einige gute Geschichten verpasse. 

Natürlich werde ich in 2021 nicht nur Backlist Titel lesen. Einige der Neuerscheinungen aus Frühjahr und Sommer stehen schon auf meiner Wunschliste. Viele tolle Frauen, etliche davon PoC. Ich freue mich darauf diese Stimmen zu entdecken. Aber ich möchte eben auch den älteren Schätzchen mehr Chancen einräumen.

Geplant ist, dass ich dir jeden Monat drei Backlist Titel aus meinem Regal vorstelle, die ich in absehbarer Zeit lesen werde. Falls du Lust hast eins der Bücher gemeinsam zu lesen | zu besprechen, melde dich gerne bei mir.


Im Januar habe ich folgende Titel aus dem Regal gezogen:




"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" | Susann Pasztór

Im Regal, weil...

...meine Freundin Sarah es irgendwann mal empfohlen hat, sie einen ausgesprochen guten Geschmack und ich gerne ihre Empfehlungen annehme.

Handelt von...

Fred, Karla und Phil. Von einer Vater-Sohn-Beziehung. Vom Leben und vom Sterben. 

Möchte ich lesen, weil...

...hah, da schnappt die Falle jetzt zu. Im Februar erscheint ihr neuster Roman "Die Geschichte von Kat und Easy", das so gut klingt, dass es auf meiner Wunschliste landete. Ich versuche nach Möglichkeit keine Autori*innen zu kaufen, von denen ich noch nichts gelesen habe, aber eh Bücher in meinem Regal stehen. 


 



"Für immer Alaska" | Anna Woltz

Im Regal, weil...

...es mir vom Carlsen Verlag zugesendet wurde.

Handelt von...

...einer Hunde-Freundschaft

Möchte ich lesen, weil...

...Friederike ständig von Anna Woltz Büchern schwärmt und sie mir bisher immer nur gute Jugendbücher empfohlen hat.




"Die Zeit der Glühwürmchen" | Patricia Koelle

Im Regal, weil...

...ich mal wieder Lust auf einen Wohlfühlroman hatte. 

Handelt von...

...zwei Frauen, die gemeinsam auf der Insel Rügen einen Garten anlegen, der Lebensraum für Schmetterlinge, Glühwürmchen und Bienen bieten soll. Vom Mut Träume zu verwirklichen.

Möchte ich lesen, weil...

...ich dringend Urlaub brauche und mich in Frau mit Wildgarten wiederfinde. 

 

Kennst du eins der Bücher? Hast es schon gelesen oder noch ungelesen im Regal stehen?

12.01.21

Es war die Nachtigall | Katrin Bongard




Ökoaktivisten gegen Jäger, Weltoffenheit gegen Tradition, zwei unversöhnliche Lager und eine große Liebe. Die 16-jährige Marie kämpft mit einer Gruppe von Freunden für den Tierschutz und gegen den Klimawandel. Sie will etwas verändern. Bei einem Konzert ihrer Lieblingsband trifft sie ausgerechnet auf Ludwig von Brockdorff, einen leidenschaftlichen Jäger. Obwohl beide vom ersten Moment an eine starke Verbindung zueinander spüren, prallen zwei gegensätzliche Welten frontal aufeinander. Können eine selbstbestimmte Umweltaktivistin und ein traditionsbewusster junger Jäger zusammen sein, trotz aller Vorurteile und der Hindernisse, die die gegnerischen Familien und das Umfeld bedeuten?
(Text & Cover: © Hanser; Foto: © N. Eppner)

"Es  war die Nachtigall" ist mein erstes Buch der Autorin Katrin Bongard, die bereits mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde. Ein Versäumnis, denn ihre Art zu schreiben gefällt mir richtig, richtig gut. Eindringlich, leise und doch nicht zu überhören. Katrin Bongard hat etwas zu sagen. Im Falle von "Es war die Nachtigall" bin ich jedoch schockiert von dem, was die Handlung am Ende weitergeben könnte. 

Fangen wir erstmal vorne an. Ludwig, ein sympathischer, ein starker, ein cooler Typ mit Tiefe, besteht seinen Jagdschein. Das Jagen liegt ihm im Blut. Er stammt aus einer Familie, in der man sich seit Generationen um den Wald, dessen Beforstung und den Wildbestand kümmert. Er weiß, dass Jagd Hege des Wildes bedeutet, und trotzdem hat er das Gefühl zu töten, als er nach der frisch bestandenen Jagdscheinprüfung zum ersten Mal auf einen Rehbock zielt und diesen erschießt.

Auf einem Konzert lernt Ludwig Marie kennen. Wild, ungestüm, unbändig, mit vielen Ideen im Kopf. Sie ist Umweltaktivistin und möchte Journalistin werden. Sie nimmt an Tierrettungsversuchen teil und lebt vegan. Gegensätzlicher könnten die zwei gar nicht sein. Aber sind sie das wirklich oder nur dem äußeren Anschein nach? Welche Gemeinsamkeiten sind überhaupt wichtig in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Schon im Prolog wirft mir die Autorin eine schockierende Tatsache vor die Füße. Etwas, das mich den ganzen Roman über begleitet, denn ich möchte unbedingt wissen, wie es dazu kommt. Das ist ein geschickter Schachzug, der unter anderem dafür verantwortlich ist, dass solch ein Sog entsteht. Es ist aber auch die Schreibe, die Art ihre Sprache zu verwenden, mit der mich Katrin Bongard ans Buch fesselt. 

Die Story an sich zeigt, dass es schwierig ist schwarz-weiß zu denken. Dass sich Menschen nicht einfach in Schubladen stecken lassen. Dass man sich für Tierschutz einsetzen und trotzdem Fleisch essen kann. Dass man sich für Umweltschutz einsetzen kann, deshalb aber nicht absolut extrem leben muss. Eine wichtige Aussage, denn ich finde, dass der Gedanke alles extrem umstellen zu müssen, viele Menschen davon abhält überhaupt etwas zu verändern. Dabei ist jeder Schritt wichtig. Und ist er auch noch so klein.

Mit dem Ende des Romans gehe ich so gar nicht mit. Schade, denn sonst wäre es eine absolut runde Sache. Eine Liebesgeschichte, die sich von der Masse abhebt. Die mal etwas anders ist, als in vielen anderen Jugendbüchern. 

Im nächsten Absatz schreibe ich etwas über das Ende des Romans. Wer möchte, kann es lesen und mir gerne die eigene Meinung dazu schicken.

---------------------------------- SPOILER ----------------------------------

Am Ende des Romans begeht eine der Figuren suizid. Dies finde ich in einem Jugendbuch, einer Geschichte dieser Art, unpassend. Es romantisiert Depression, die in der Geschichte nur am Rande angesprochen wird und eigentlich nicht im Fokus steht, und suizid als einzigen Ausweg aus der Depression bzw. einer Lage, die emotional sehr aufwühlt. Das Thema muss nicht gänzlich ferngehalten werden, sollte aber kritischer dargestellt werden und nicht in einem romantischen Kontext. Es gibt da klar die Verbindung zu Romeo und Julia, die ja auch im Titel schon dargestellt wird und in der Umsetzung modern und zeitgemäß ist,aber ich sehe es in dieser Form des Dramas als weniger gefährlich, als im Jugendbuch, das eine Vorbildfunktion einnimmt. Wie siehst du das?


Buchinfo:
Hanser (2020)
272 Seiten
Paperback 16,00 €
empfohlen ab 14 Jahren

Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner


10.01.21

Sachbücher lesen




Vorsatz seit Jahren: mehr Sachbücher lesen. Weil's toll ist. Weil sie bereichern und Wissen vermitteln. Und trotzdem ist es mir bisher nicht gelungen mehr als zwei oder drei Sachbücher bzw. Ratgeber zu lesen.

Als Jugendliche und später während meiner Trainerausbildung war das anders. Damals las ich viele Sachbücher. Vorzugsweise zu den Themen Pferde und Natur. Heute beschränke ich mich häufig auf Artikel in Zeitschriften oder im Netz oder höre Podcasts zu den Themen, die mich interessieren. 

In 2020 fanden drei richtig gute Sachbücher ihren Weg in meine Leseliste, was mich motiviert, doch mehr zu diesem Genre zu greifen, zumal ich so eine gute Auswahl im Regal stehen habe (auf dem Foto siehst du einen stellvertretenden Teil davon).

Sachbücher lesen sich anders. Ich kann sie nicht gut in einem weg lesen und muss die Möglichkeit haben mir wichtige Dinge zu markieren oder in ein Notizbuch zu schreiben. Zu viel Input auf einmal sorgt eher dafür, dass ich mir das nicht gut merken kann. Gerne greife ich später nochmal zum Buch oder meinen Notizen, um mir in entsprechenden Situationen Hilfestellung zu holen. Das kann ein optimistischer Tritt in den Hintern sein, aus einem Ratgeber zu Lebenshilfethemen, ein Anstoß fürs Training oder ein Tipp für den Garten.

Liest du Sachbücher? Ändert sich dein Leseverhalten, wenn du Sachbücher liest?





07.01.21

Neandertal | Claire Cameron


 

Die Welt vor 40.000 Jahren. Ein besonders strenger Winter hat die letzte Sippe der Neandertaler hart getroffen, nur wenige haben überlebt. Unter ihnen auch „Mädchen“, die älteste Tochter. Nun bricht die Familie auf zu dem jährlichen Treffen, um einen geeigneten Partner zu finden. Doch die raue und unwirtliche Natur fordert ihren Tribut. „Mädchen“ und „Kümmerling“, ein Bastard ungewisser Herkunft, bleiben allein zurück. Als die Zeit der Winterstürme naht, erkennt Mädchen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, ihr Volk zu retten, auch wenn sie dafür ein großes Opfer bringen muss. In der Jetztzeit arbeitet die schwangere Archäologin Rosamund fieberhaft daran, neue Neandertal-Artefakte zu bergen, bevor ihr Kind auf die Welt kommt. Über Jahrtausende verbunden durch gemeinsame urweibliche Erfahrungen, geht die Geschichte beider Frauen zentralen Themen im Leben aller Frauen auf den Grund.
(Text & Cover: © btb; Foto: © N. Eppner)


Ich muss gestehen: ohne den Instagram Lesekreis Mariaslesekreis hätte ich nie zu "Neandertal" gegriffen. Die Zeit der Neandertaler interessiert mich nicht sehr. Mir reichen die Informationen aus dem Ötzi-Museum im Urlaub und ich glaube der eine hat mit den anderen gar nichts zu tun. 

Claire Cameron konnte mich mit ihrer Geschichte, die auf zwei Zeitebenen - vor 40.000 Jahren und 21. Jahrhundert - trotzdem in ihren Bann ziehen. Wider erwarten war es kein Roman, dessen evtl. romantisierte Handlung in der Zeit der Neandertaler angesiedelt ist. So oder ähnlich meine Vorstellungen des Buches. In "Neandertal" steckt viel mehr drin. Es ist eine Geschichte über Familie, über deren Wichtigkeit, das Bild der Frau und deren Stellung in der Gesellschaft. Ja, auch in der Gesellschaft der Neandertaler, die zwar von geringer Anzahl, aber umso intensiver ist. Jede*r einzelne ist bedeutend fürs Überleben.

Es gibt also diese Neandertalerin, die im Schoße ihrer kleinen Sippe aufwächst. Diese besteht aus zwei Brüdern, der jungen Frau, der großen Mutter und einem zugelaufenen Mickerling. Bald wird die Neandertalerin fortgehen müssen, eine eigene Familie gründen, der ältere Bruder eine Frau suchen. Basierend auf rudimentären Trieben. Allen voran: überleben wollen. Die Neandertalerin ist wichtig in ihrer Gruppe. Sie hat ihre feste Aufgabe, die zum Überleben beiträgt. Nur gemeinsam können sie es schaffen. Als Einheit und doch zählt jede individuelle Persönlichkeit. Ich habe das Gefühl, dass Individualität und Persönlichkeit groß geschrieben werden. Natürlich ist es fürs Überleben wichtig, dass die Frau Kinder bekommt, denn je größer die Gruppe, desto stärker ist sie. Aber sie wird nicht nur als Frau gesehen, nicht darauf reduziert, dass sie gebärfähig ist. Sie ist klug und stark und das ist für die Familie wichtig. Die Familie hat einen hohen Stellenwert.

Demgegenüber steht Rose, eine Frau mittleren Alters. Ich denke in Medizin und Gesellschaft wird sie als alte Erstgebärende bezeichnet. Sie ist schwanger und berufstätig. Sie liebt ihren Beruf und möchte gerne Mutter sein. Zwei Lebensumstände, die sich scheinbar ausschließen. Sobald sie ihre Schwangerschaft preisgibt, verändert sich der Blick ihrer Mitmenschen auf ihre Arbeit. Man unterstellt ihr nicht mehr so kompetent zu sein, nicht mehr rational zu handeln und schon gar nicht mehr Leistungsbereit zu sein, was als wichtigste berufliche Fähigkeit gilt. Sie wird als Mensch in der Berufswelt abgewertet. Im privaten kämpft sie mit der finanziellen Versorgung, denn die wirtschaftliche Unterstützung ist gering.

An der Gegenüberstellung der beiden Frauen und ihrer Lebensumstände verdeutlicht Claire Cameron die Situation von Frauen und Familie in der heutigen Gesellschaft. Wie sehr deren Werte in den vergangenen Jahrtausenden verloren gegangen sind. Ich stelle mir die Frage woran das liegen könnte? 

Vor allem während der Vergangenheitsebene ist Camerons Sprache kühl, klar, fast sachlich. Damit entgeht sie einer emotionalen Romantisierung der beiden Lebensgeschichten und fokussiert meinen Blick als Leserin. Ich entdecke viel zwischen den Zeilen, fühle mich in meiner Rolle als Frau und Mutter oft verstanden, nicke bei Missständen, die Cameron ganz nebenbei und doch offensichtlich aufdeckt. Ganz sicher entsprechen nicht alle dargestellten Alltagsabläufe der Vergangenheitsebene der Realität. Ich glaube, das ist nicht machbar, aber Cameron hat sich wissenschaftlichen Rat von Fachleuten geholt und lässt damit die Geschichte der Neandertalerin sehr realistisch und lebendig werden. 


Buchinfo:

btb (2020)
368 Seiten
Taschenbuch 11,00 €
ÜBERSETZUNG: Marie Rahn

Rezension: ©2021, Nanni Eppner

05.01.21

Zugvögel | Charlotte McConaghy

 

 

Auf der Suche nach Erlösung folgt eine junge Frau den letzten Küstenseeschwalben in die Antarktis
Franny hat ihr ganzes Leben am Meer verbracht, die wilden Strömungen und gefiederten Gefährten den Menschen vorgezogen. Als die Vögel zu verschwinden beginnen, beschließt die Ornithologin den letzten Küstenseeschwalben zu folgen. Inmitten der exzentrischen Crew eines der letzten Fischerboote macht sie sich auf den Weg in die Antarktis. Schutzlos ist die junge Frau den Naturgewalten des Atlantiks ausgeliefert, allein die Vögel sind ihr Kompass. Doch wohin die Tiere sie auch führen, vor ihrer Vergangenheit kann Franny nicht fliehen. Ihr folgt das Geheimnis eines Verbrechens, die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe. Und schon bald entwickelt sich die Reise zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer.

Charlotte McConaghys »Zugvögel«, in deutscher Übersetzung von Tanja Handels, ist eine Ode an die wilden Geschöpfe dieser Erde und eine bewegende Geschichte über die Wege, die wir für die Menschen gehen, die wir lieben.
(Text & Cover: ©S. Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)

Seit ich die letzten Zeilen in "Zugvögel" gelesen habe, frage ich mich, wie ich meine Gefühle für den Roman, für Protagonistin Franny in Worte fassen soll. Ihre Geschichte hat bei mir keine Tränen ausgelöst, wie bei vielen anderen Leserinnen und Lesern, aber sie hat mich sehr tief berührt. Mich auf einer persönlichen Ebene aufgefangen und bewegt.

Franny lebt in einer Zeit, in der viele Tierarten ausgestorben sind. Darunter meiner Lieblingstiere, die Tiger. Ihre Existenzgrundlage wurde ihnen genommen. Damit dieses Schicksal den Küstenseeschwalben nicht widerfährt, erforscht Franny deren Leben, begleitet sie bis in die Antarktis. Franny fühlt sich Tieren und dem Meer seit jeher verbunden. Mit Menschen ist es für sie schwieriger. Bis dieser eine Mensch kommt, der sich in sie verliebt und sie so akzeptiert, wie sie ist. Mit all ihren Kanten und dieser Eigenart, die ihr ein Zusammenleben erschwert. Franny fühlt sich immer wieder getrieben. Sie sehnt sich so sehr nach Bewegung in ihrem Leben, das sie manchmal einfach losgeht und keiner ahnt, wo sie wieder zur Ruhe kommt. Ein Gefühl, mit dem sie mir sehr nah steht. Manchmal ist das so, dass man Protagonist*innen trifft, die einem ähneln. Frannys Sehnsucht nach stetigem Wandel, nach immerwährenden Veränderungen, ihre Rastlosigkeit, auch getrieben durch den Wunsch etwas verändern zu wollen, haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Haben mich dazu gebracht über mich selbst nachzudenken, einiges zu hinterfragen, aber auch mit mir ins Reine zu kommen.

Auf ihrer Reise zur Antarktis trifft Franny auf eine Crew von Fischer*innen. Sonderbare Persönlichkeiten, wie es auf den ersten Blick scheint. Menschen mit Narben auf dem Herzen, wie auf den zweiten und dritten Blick klar wird. Ihr Alltag steht im Gegensatz zu Frannys Tätigkeit. Sie möchte Tiere schützen, die Fischercrew fängt Tiere, um sie zu essen. Sorgt für Überfischung, nimmt anderen Tieren die Lebensgrundlage, bringt das Ökosystem der Meere durcheinander. Ist tatsächlich alles so schwarz-weiß zu betrachten, wie es auf den ersten Blick scheint?

Franny sieht sich vielen Herausforderungen gegenüber. Eine davon ist es die Zukunft zu retten, eine andere die Vergangenheit zu vergessen oder zu verarbeiten. Franny trägt Geheimnisse im Herzen, die zum Ende des Romans ans Licht kommen und mich bis ins Mark erschütterten. 

"Zugvögel" ist die dramatische Geschichte eines menschlichen Schicksals, aber auch eine Warnung, ein Versuch aufzurütteln. Wir alle müssen aufwachen, müssen Schatten bekämpfen, uns um unsere Zukunft und die unserer Erde kümmern. Charlotte McConaghy spricht eine sanfte Warnung aus, erhebt keinen Zeigefinger, sondern rührt an unseren Emotionen. Poetisch, in einer feinen Sprache, die nachhallt.


Buchinfo:

400 Seiten
Hardcover 22,00 €
ÜBERSETZUNG: Tanja Handels

Rezensionen: ©2021, Nanni Eppner