03.03.19

Mitten im Dschungel | Katherine Rundell




Mitten im Dschungel stürzt die kleine Propellermaschine ab und plötzlich sind Fred, Con, Lila und ihr kleiner Bruder Max auf sich allein gestellt. Wo sollen sie einen Unterschlupf und etwas zu essen finden. Und wie kommen sie aus diesem Urwald überhaupt wieder heraus? Immerhin ist ein Fluss in der Nähe und wilde Früchte, und Fred hat genug Abenteuerbücher gelesen, um ein Floß zu bauen. Aber ob das zum Überleben in der Wildnis reicht?
(Text & Cover: © Carlsen; Foto: © N. Eppner)


Kinder müssen Kind sein dürfen, um sich gesund entwickeln zu können. Sie brauchen Zeit, um eigene Erfahrungen machen zu können. Sie benötigen Freiheit, um aus diesen Erfahrungen lernen zu können. Und sie brauchen Abenteuer, um Körper und Geist zu schulen, zu fördern und zu stärken. 

"'Ich hätte auch gerne einen Raum, in dem ich mal so richtig brüllen kann.'"

Fred, Con, Lila und Max sind sehr gefangen in den Konventionen ihrer jeweiligen Lebensstile. Freds Vater ist sehr streng, wünscht sich, das Fred ein erfolgreicher Erwachsener ist und geht dafür Wege, die ich als nicht sehr kindgerecht empfinde. Fred ist noch nie auf einen Baum geklettert oder durch Pfützen gehüpft. Genau wie Con, die in einem Umfeld lebt, das nicht sehr familiär ist. Wenig Wärme und Zuneigung für sie erübrigt. So, dass sie selbst Schwierigkeiten damit hat, empathisch und freundlich auf andere Kinder zuzugehen. Lila ist ziemlich klug und interessiert sich für Tiere. Gerne hätte sie ein eigenes Haustier. Und ihr kleiner Bruder Max ist so, wie kleine Kinder nun mal sind. Neugierig, gerade heraus, ein bisschen laut und immer in Bewegung - also genau richtig.

"'Aber es stimmt. Die Welt könnte so riesig sein, dass sie die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Wie könnte sie da einfach sein?'"

Nach ihrem Absturz mit der Propeller Maschine sind die, auf den ersten Blick ungleich wirkenden, Vier auf sich allein gestellt. Das macht ihnen Angst, denn durch den bereits erwähnten bisherigen Lebenswandel, trauen sie sich nur wenig zu. Das ändert sich jedoch, als es notwendig ist ums eigene Überleben zu kämpfen. Dazu gehört im Dschungel nun mal auf Bäume zu klettern und durch den Regen zu laufen. Ohne, dass es ihnen wirklich bewusst ist, wachsen sie über sich selbst hinaus und machen Bekanntschaft mit dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben: dem eigenen Ich.

"'Und wo steht geschrieben, dass nur Erwachsene ein Floß bauen können?", erwiderte Fred genervt.'"

An Fred, Con, Lila und Max konnte ich etwas beobachten, was ich auch von meinen eigenen Kindern kenne: die Natur gibt ihnen Raum sich selbst zu finden. Fern ab von Reizüberflutung, starren Strukturen und vorgegebenen Mustern, können sie sich frei entfalten und einfach Kind sein. Im Fall der Protagonisten geht es auch darum Verantwortung zu lernen und daran zu wachsen. Mir gefällt die Aussage auf die Katherine Rundell so oft auf verschiedene Wege hinweist: Kinder können alles schaffen, wenn wir ihnen den Raum geben ihre Stärke ausleben zu können.

"'Ich hoffe, Menschenleben werden eines Tages genauso kostbar sein wie Land.'"

Natürlich könnte man anprangern, dass es unrealistisch ist, das vier Kinder im Alter zwischen fünf und dreizehn (?) allein im Dschungel überleben, aber was hat es nicht schon alles gegeben und außerdem ist hier ein kleines bisschen Fantasie erlaubt und der Fokus sollte nicht auf dem Setting liegen (das allerdings ziemlich cool ist), sondern viel mehr auf den Protagonisten. 

"'Jeder Mensch auf Erden ist ein Abenteurer. Und das bedeutet aufmerksam zu sein. Immer ganz genau hinzuschauen. Es gibt nichts Wichtigeres. Wenn ihr euch mit geschärften Sinnen durch die Welt bewegt, habt ihr wenig zu befürchten.'"

"Mitten im Dschungel" ist ein sehr kluges Buch, das mich extrem begeistert hat. Nicht nur, weil es spannend und mit einer Prise Humor erzählt wird, weil die Figuren liebenswert, fern der Norm und charakterstark sind, und weil es auf feine Art dafür sorgt, dass wir daran denken wie wertvoll Natur ist, sondern weil es sowohl für Kinder, als auch für Erwachsene taugt. Nicht nur für Eltern, die manchmal vergessen, dass ihre Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, sondern eigene Bedürfnisse und Ansprüche haben, sondern auch für all die Erwachsenen, die ihr eigenes inneres Kind zu sehr einengen. Und ganz besonders für diejenigen, die nicht wissen wie viel wir von Kindern, ihrer Art die Welt zu betrachten und zu erkunden, lernen können.

"'[...] Sagt allen, dass die Schönheit der Welt Verpflichtungen mit sich bringt. Das muss man den Menschen immer wieder in Erinnerung rufen. Wenn man die Welt für klein und schäbig hält, lässt man sich eher gehen. Aber die Welt ist groß und wunderschön. [...]'"

Ein Herzensbuch für das ich eine ganz besonders dringende Leseempfehlung ausspreche.


Buchinfo:

Carlsen (2018)
305 Seiten
Hardcover
Übersetzung: Henning Ahrens


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner

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