26.11.20

Vom Ende eines langen Sommers | Beate Teresa Hanika




Marielle lebt als Bildhauerin in Amsterdam. An einem der ersten warmen Frühlingstage kehrt die Vierzigjährige mit einem riesigen Strauß roter und blassrosa Tulpen vom Bloemenmarkt zurück und findet vor ihrer Wohnungstür ein Paket. Altmodisch verschnürt und geheimnisvoll. Der Inhalt: Tagebücher ihrer vor kurzem verstorbenen Mutter Franka. Ein Leben lang fühlte Marielle sich von ihr unverstanden. Immer war ihr diese stolze, kühle Frau fremd geblieben. Nun beginnt sie zu lesen. Von jenem langen Sommer 1944, den Franka auf einem Gut in der Toskana verbracht hatte. Von einer Begegnung, die das Leben der jungen Frau für immer veränderte. Und von einem Verhängnis, das über die Generationen hinweg zu wirken scheint.
(Text & Cover: © Randomhouse btb; Foto: © N. Eppner)


Bücher von Beate Teresa Hanika sind für mich ganz besondere Goldstücke. Hanikas Schreibe ist poetisch, fein, eindringlich. Ihre Worte gehen mir IMMER unter die Haut. Fast magisch ist ihre Fähigkeit mit Worten umzugehen. Ihre Fähigkeit mich hineinzuziehen in ihre Erzählungen, mit Sätzen zu umschließen wie eine warme Decke, obwohl die Themen, die sie anspricht, oftmals hart sind.

So auch in "Vom Ende eines langen Sommers", das mich in das Jahr 1944 reisen lässt. Ich spüre den Sommer, die Wärme, den Wunsch eine gute Zeit zu erleben, den Krieg endlich los zu sein. Ich begleite Franka, bin Franka, fühle ihren Widerstand, ihre Kraft, ihre Angst, um die Menschen, die ihr wichtig sind, aber auch ihr starkes Herz, das für Gerechtigkeit steht. 

Doch dann geschieht etwas. Die Welle der Gewalt, die der Krieg mit sich bringt, rollt auch über Franka. Sie muss ihr Herz in die Hand nehmen und sich der Frage stellen, ob es noch einen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt. Ob der Wunsch nach Gerechtigkeit, danach den Grausamkeiten ein Ende zu setzen wirklich alle Mittel heiligt. Freundschaften, eigene Gefühle, Frankas ganzes Leben werden auf den Kopf gestellt.

Das, was sie im Sommer 1944 in der Toskana erlebt, prägt Franka für ihr ganzes Leben. Sie wird zur kühlen, unnahbaren Frau. Ist für ihre Tochter Mariella oftmals nicht zu erreichen. Die beiden Frauen gehen keine enge Bindung ein, obwohl beide den Wunsch haben, das es anders ist. Die Vergangenheit lässt es nicht zu. Beeinflusst Gegenwart und Zukunft. 

Mariella ist eine von vielen. Ein Kind der Nachkriegsgeneration, geprägt durch das, was ihre Eltern während des Krieges erlebten. Geprägt durch Emotionen, Ängste, Wut. Der Krieg hat mit Gewalt gewütet, viele Menschen getötet, aber auch nachhaltig zerstört. Nicht jeder ist in der Lage zum Alltag zurückzukehren, ohne das eigene Verhalten dem Erlebten anzupassen.

Im Roman wechseln die Erzählebenen. Ich lerne Franka kennen, frage mich, wer diese kühle Frau ist. Frage mich, warum sie ihrer Tochter gegenüber so abweisend ist. Warum sie ihr nicht mit mehr Liebe begegnen kann. Schritt für Schritt lerne ich sie kennen. Begleite sie in den Sommer 1944. Sehe, was sie sieht. Fühle, was sie fühlt. Betroffen, nachdenklich, aber auch versöhnt mit Franka, schließe ich das Buch. Bin wieder einmal begeistert von Beate Teresa Hanika, die mit einer Schreibe, die so zart ist wie ein feiner Sommerwind, einen großen Stein ins Rollen bringt. Die mit Poesie und Gedanken, die zwischen den Zeilen stecken, gegen das Vergessen schreibt.


Buchinfo:

btb (2018)
320 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag 22,00 €


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

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