Posts mit dem Label Belletristik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Belletristik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

05.03.21

Die Schule am Meer | Sandra Lüpkes





Juist, 1925: Tatkräftig und voller Ideale gründet eine Gruppe von Lehrern am äußersten Rand der Weimarer Republik ein ganz besonderes Internat. Mit eigenen Gärten, Seewasseraquarien und Theaterhalle. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft: die jüdische Lehrerin Anni Reiner, der Musikpädagoge Eduard Zuckmayer, der zehnjährige Maximilian, der sich mit dem Gruppenzwang manchmal schwer tut, sowie die resolute Insulanerin Kea, die in der Küche das Sagen hat. Doch das Klima an der Küste ist hart in jeder Hinsicht, und schon bald nehmen die Spannungen zu zwischen den Lehrkräften und mit den Insulanern, bei denen die Schule als Hort für Juden und Kommunisten verschrien ist. Im katastrophalen Eiswinter von 1929 ist die Insel wochenlang von der Außenwelt abgeschlossen. Man rückt ein wenig näher zusammen. Aber kann es Hoffnung geben, wenn der Rest der Welt auf den Abgrund zusteuert?
(Text & Cover: © Rowohlt; Foto: © N. Eppner)


Ein Jahr nachdem ich "Die Schule am Meer" gelesen, schon mehrfach empfohlen und verschenkt habe, schreibe ich endlich meine Meinung dazu auf. Trotz der Zeit ist die Geschichte noch so präsent, dass ich mich an viele Einzelheiten erinnere. Es ist eine gute Geschichte. Informativ, lesenswert, gegen das Vergessen.

1925 gründet eine kleine Gruppe aus Lehrerinnen und Lehrern ein reformpädagogisches Internat auf Juist. Man legt wert auf Kultur, auf Musik, auf eine gute Bildung, erzieht Werte und Gleichheit. Doch die Politik steuert auf genau gegensätzliche Maßnahmen zu. Während im Internat auf Juist Kinder wie Lehrer*innen eine Heimat finden, ganz gleich welcher religiösen Überzeugung oder Herkunft, nimmt bei den Insulanern eine rechte Gesinnung zu. Getrieben von Argwohn und Neid, wird es für Schüler*innen und Lehrer*innen vermehrt schwierig Fuß zu fassen. Angriffe gegen Mitglieder des Internats nehmen zu. Die Interessen des Kollegiums werden boykottiert und so bröckelt auch der Zusammenhalt untereinander.

"Doch im Leben geht es nicht um Angst. Auf den Mut kommt es an." (S. 559)

"Die Schule am Meer" habe ich innerhalb weniger Tage verschlungen. Basierend auf der wahren Geschichte, auf die Autorin Sandra Lüpkes durch Zufall gestoßen ist, konnte ein Roman verfasst werden, der fesselnd und informativ ist. Lüpkes konnte alte Aufzeichnungen zu Hilfe nehmen, um Atmosphäre der Zeit und ihrer gesellschaftlichen Probleme authentisch darzustellen. Sowohl der katastrophale Eiswinter 1929, als auch die Entwicklung der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland finden Raum. 

Die Figuren, die teilweise erfunden, aber auch auf realen Personen basieren, sind mit viel Tiefe herausgearbeitet und fügen sich perfekt in das Gesamtbild. Ich kann sie mir lebhaft vorstellen, empfinde Sympathien für viele von ihnen und große Abneigung gegen all jene, die aus einer bunten Schar Kinder mit eigener Persönlichkeit einen Haufen Einheitsbrei machen wollen. Gegen diejenigen, die keine Toleranz zeigen und mit Hass gegen die Kinder und das Kollegium vorgehen. 

"Die Schule am Meer" ist ein Buch zum Schmökern und gleichzeitig wird die Härte der 20er Jahre dargestellt, in denen es so viele Ideen gab, die jedoch alle im Keim erstickt wurden. Es ist ein Roman gegen das Vergessen, der mit starken Persönlichkeiten und Handlungen über Mut und Zusammenhalt, Empathie und Toleranz bei Leserinnen und Lesern fördern kann. 


Buchinfo:

Rowohlt Kindler (März 2020)
576 Seiten
Hardcover 22,00 €


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner

26.11.20

Vom Ende eines langen Sommers | Beate Teresa Hanika




Marielle lebt als Bildhauerin in Amsterdam. An einem der ersten warmen Frühlingstage kehrt die Vierzigjährige mit einem riesigen Strauß roter und blassrosa Tulpen vom Bloemenmarkt zurück und findet vor ihrer Wohnungstür ein Paket. Altmodisch verschnürt und geheimnisvoll. Der Inhalt: Tagebücher ihrer vor kurzem verstorbenen Mutter Franka. Ein Leben lang fühlte Marielle sich von ihr unverstanden. Immer war ihr diese stolze, kühle Frau fremd geblieben. Nun beginnt sie zu lesen. Von jenem langen Sommer 1944, den Franka auf einem Gut in der Toskana verbracht hatte. Von einer Begegnung, die das Leben der jungen Frau für immer veränderte. Und von einem Verhängnis, das über die Generationen hinweg zu wirken scheint.
(Text & Cover: © Randomhouse btb; Foto: © N. Eppner)


Bücher von Beate Teresa Hanika sind für mich ganz besondere Goldstücke. Hanikas Schreibe ist poetisch, fein, eindringlich. Ihre Worte gehen mir IMMER unter die Haut. Fast magisch ist ihre Fähigkeit mit Worten umzugehen. Ihre Fähigkeit mich hineinzuziehen in ihre Erzählungen, mit Sätzen zu umschließen wie eine warme Decke, obwohl die Themen, die sie anspricht, oftmals hart sind.

So auch in "Vom Ende eines langen Sommers", das mich in das Jahr 1944 reisen lässt. Ich spüre den Sommer, die Wärme, den Wunsch eine gute Zeit zu erleben, den Krieg endlich los zu sein. Ich begleite Franka, bin Franka, fühle ihren Widerstand, ihre Kraft, ihre Angst, um die Menschen, die ihr wichtig sind, aber auch ihr starkes Herz, das für Gerechtigkeit steht. 

Doch dann geschieht etwas. Die Welle der Gewalt, die der Krieg mit sich bringt, rollt auch über Franka. Sie muss ihr Herz in die Hand nehmen und sich der Frage stellen, ob es noch einen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt. Ob der Wunsch nach Gerechtigkeit, danach den Grausamkeiten ein Ende zu setzen wirklich alle Mittel heiligt. Freundschaften, eigene Gefühle, Frankas ganzes Leben werden auf den Kopf gestellt.

Das, was sie im Sommer 1944 in der Toskana erlebt, prägt Franka für ihr ganzes Leben. Sie wird zur kühlen, unnahbaren Frau. Ist für ihre Tochter Mariella oftmals nicht zu erreichen. Die beiden Frauen gehen keine enge Bindung ein, obwohl beide den Wunsch haben, das es anders ist. Die Vergangenheit lässt es nicht zu. Beeinflusst Gegenwart und Zukunft. 

Mariella ist eine von vielen. Ein Kind der Nachkriegsgeneration, geprägt durch das, was ihre Eltern während des Krieges erlebten. Geprägt durch Emotionen, Ängste, Wut. Der Krieg hat mit Gewalt gewütet, viele Menschen getötet, aber auch nachhaltig zerstört. Nicht jeder ist in der Lage zum Alltag zurückzukehren, ohne das eigene Verhalten dem Erlebten anzupassen.

Im Roman wechseln die Erzählebenen. Ich lerne Franka kennen, frage mich, wer diese kühle Frau ist. Frage mich, warum sie ihrer Tochter gegenüber so abweisend ist. Warum sie ihr nicht mit mehr Liebe begegnen kann. Schritt für Schritt lerne ich sie kennen. Begleite sie in den Sommer 1944. Sehe, was sie sieht. Fühle, was sie fühlt. Betroffen, nachdenklich, aber auch versöhnt mit Franka, schließe ich das Buch. Bin wieder einmal begeistert von Beate Teresa Hanika, die mit einer Schreibe, die so zart ist wie ein feiner Sommerwind, einen großen Stein ins Rollen bringt. Die mit Poesie und Gedanken, die zwischen den Zeilen stecken, gegen das Vergessen schreibt.


Buchinfo:

btb (2018)
320 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag 22,00 €


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

19.06.20

Sommergäste | Agnes Krup




Es ist der Sommer des Jahres 1925. Die Schriftstellerin Charlotte Overbeck und ihre Freundin Ellen reisen nach Rockcliff Isle, eine malerische Insel vor der kanadischen Atlantikküste. Charlotte will an ihrem neuen Roman arbeiten, Ellen ihr gemeinsames Sommerhaus einrichten. Bei der Ankunft mit dem Postschiff treffen sie im Hafen auf Crawford Maker, einen Einheimischen in Fischerkleidung, der einen toten Vogel mit mächtigen Schwingen unter dem Arm trägt. Ellen besucht ihn in seiner Werkstatt, wo er den Vogel präpariert. Sie fühlt sich erinnert an ihre kurze Karriere als Künstlerin, die sie für Charlotte aufgegeben hat, um ihre Begleiterin zu werden. Crawford erkennt ihr Talent und lädt sie ein, mit ihm auf eine Expedition in den Kongo zu gehen…
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)

"Sommergäste" ist ein fein erzählter Roman über die Liebe, eingebettet in die Atmosphäre der 20er Jahre, in denen so vieles möglich scheint und dann so abrupt beendet wird.

Getragen wird die Geschichte von Charlotte und Ellen, zwei kultivierten Frauen, die in Liebe und Freundschaft miteinander verbunden sind. Seit etlichen Jahren ist Ellen, einst begabte Bildhauerin, die starke Frau hinter Autorin Charlotte. Ellen sorgt dafür, dass diese sich einzig auf ihr Schreiben konzentrieren kann. Mit Erfolg. Charlotte ist Preisgekrönt und so gefragt, dass die beiden Frauen einen Rückzugspunkt benötigen, an dem sie neue Energie tanken können.

Im malerischen Rockcliffe Isle treffen sie auf Crawford Maker, dem ein bisschen etwas vom einsamen Wolf anhaftet, der aber gleichzeitig Anlaufstelle seiner Insel ist. Er setzt sich ein für den Erhalt seltener Vogelarten, versucht Flora und Fauna zu schützen, indem er Vögel präpariert und damit einen Zugang schafft für jene, die sich nicht herauswagen in die raue Natur, für diejenigen, deren Bezug zur Natur lediglich auf eloquente Gespräche unter gesellschaftlich angesehen Mitmenschen besteht.

Es ist ein Albatros, der Crawford und Ellen zueinander führt und aus Ellen das herausholt, was längst unter dem Alltag an Charlottes Seite begraben liegt. Ihr Talent Lebewesen zu erfassen und voller Dynamik und Lebendigkeit darzustellen. Crawford bringt das Gleichgewicht zwischen Ellen und Charlotte ins Wanken und gleichzeitig ist er derjenige, der Ellen selbst in eine Balance zurückholt, die sie über die Jahre verloren hat. 

Krup schafft Figuren, die ganz ohne dramatische Handlung und rasant steigenden Spannungsbogen auskommen. In denen die Tiefe aus Lebenserfahrung, Enttäuschung und Hoffnung steckt. Charaktere, die Verluste verschiedenster Ausmaße zu betrauern und diese unter allen Schichten aus positiver Außenwirkung, Erfolg und Energie vergraben haben. Es ist vor allem die Liebe, die aus den Figuren die Menschen werden lässt, die sie sind. Es ist die Liebe, die sie antreibt und die in ihnen Eifersucht und Toleranz gleichermaßen wachsen lässt. 

Krup muss nichts aussprechen. Ihre feine, ruhige Schreibe lässt Raum für eigene Gedanken. Ohne das Wort direkt auf ein bestimmtes Thema zu richten, klingt dies durch und wird für mich greifbar. Ich spüre die Lücke, die in Charlottes Leben thront, die Zerrissenheit, die Ellen immer wieder überflutet, Crawfords zarte Annäherung, die aus Respekt vor dem was zu sein scheint und nicht ausgesprochen wird, stet, aber nicht fordernd ist. 

"Sommergäste" ist ein zarter Roman über die Liebe, in der nicht wichtig ist, wen wir lieben, sondern nur wie wir miteinander umgehen.


Buchinfo:

Piper (2020)
368 Seiten
Hardcover 22,00 €


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner


04.06.20

Miracle Creek | Angie Kim





Wie weit würden wir gehen, um unsere schamvollsten Geheimnisse zu bewahren? „Mit durchdringender Menschenkenntnis führt Angie Kim tief in das Innenleben ihrer Charaktere.“ (Los Angeles Times)
In der Kleinstadt Miracle Creek in Virginia geht ein Sauerstofftank in Flammen auf. Zwei Menschen sterben – Kitt, die eine Familie mit fünf Kindern zurücklässt, und Henry, ein achtjähriger Junge. Im Prozess wegen Brandstiftung und Mord sitzt Henrys Mutter Elizabeth auf der Anklagebank. Und die Beweise sind erdrückend. Hat sie ihren eigenen Sohn ermordet? Während ihre Freunde, Verwandten und Bekannten gegen sie aussagen, wird klar: In Miracle Creek hat jeder etwas zu verbergen.
(Text & Cover: © Hanser; Foto: © N. Eppner)


Immer wieder suche ich nach Büchern, die ähnlich spannend sind wie Krimis oder Thriller, aber nicht blutig oder gruselig. Angie Kim ist mit ihrem Debüt genau so ein Roman gelungen. Eine Geschichte, die ich gut und gerne in einem Durchlauf hätte verschlingen können, weil ich sie so ungern unterbrochen habe. 

Der Aufbau des Romans ist grandios. Genau so stelle ich mir die Arbeit von Anwältinnen und Anwälten, Ermittlerinnen und Ermittlern vor. Ich frage mich immer wieder wie sie Klarsicht und Objektivität behalten. Wird nicht all unser Denken von eigenen Erfahrungen, von der eigenen Biografie bestimmt?

Kims Roman, den ich mir sehr gut auch als Verfilmung vorstellen könnte, zeigt mir, dass es nie eine klare Sicht auf die Dinge gibt. Dass Ereignisse von verschiedenen Menschen verschieden wahrgenommen werden, eben weil jede*r in einem anderen Kontext zum Erlebnis steht. Wie steht es um die eigenen Bedürfnisse? Wie sehr fließen sie in unsere Wahrnehmung ein? Und welche Rolle spielt in der Beurteilung einer Situation die Möglichkeit, dass wir unseren eigenen Dreck unter den Teppich kehren wollen?

Nehmen wir den Fall Elizabeth. Mutter des autistischen Henry, den sie zu diversen Therapien bringt, um seinen Autismus zu heilen oder zumindest zu verbessern. Es gibt Mütter, die bewundern Elizabeths Energie, mit der sie Henry unterstützt, ihr eigenes Leben hinten anstellt. Es gibt Mütter, die haben Mitleid mit Henry, weil er nicht so sein darf, wie er zur Welt gekommen ist und durch die Therapien viel Stress hat. Es gibt Mütter, die bemitleiden Elizabeth, weil sie alles in ihrem Leben für ihren Sohn aufgegeben hat. Es gibt also diese zwei Personen, die im Fokus stehen, im Mittelpunkt der Betrachtung, aber in den Augen der verschiedenen Betrachtenden, immer anders aussehen.

Genau diesen Punkt spielt Kim in ihrem Roman aus. Durch einen Netzartigen Aufbau des Gerichtsverfahren, in dem immer wieder Handlungen und Gedanken verschiedener Figuren aus der Vergangenheit und Gegenwart verwoben werden, hat sich mich immer wieder in Bewegung gebracht. Ich weiß gar nicht wie oft ich meine Sympathien und Anschuldigungen wechselte. Während ich diese Manipulation der Autorin im Rahmen des Lesens als grandios empfinde, bleibt ein fader Beigeschmack, der mich darüber nachdenken lässt, wie es mir wohl im realen Leben ergeht. Lasse ich meine Perspektive auch im Real Life so sehr beeinflussen? Ist das Gut oder Schlecht?

Ein weiterer, sehr spannender Aspekt des Romans sind die Kausalketten, in die Kims Figuren verwickelt werden. Wie sehr unterliegen wir ihnen? Sind wir damit noch frei in unserem Handeln oder wird immer irgendwo irgendwas von äußeren Umständen beeinflusst?

Stück für Stück gibt Kim Einblick in die Lebensumstände, in die Hoffnungen, Sehnsüchte und dunklen Seiten der einzelnen Figuren. Was treibt sie an? Wie weit gehen sie um ihren Familien ein besseres Leben zu bieten? Welche Schuld laden sie auf sich, für einen Moment des Glücks? Wie gehen sie mit dieser Schuld um? Wie leben sie mit dem, was sie getan haben, weiter?

Angie Kim hat mich ausgesprochen gut unterhalten, aber auch aufgerieben in meinem Denken. Hat viele Fragen aufgeworfen. Ich muss gestehen, dass es mir sehr schwer fiel die Figuren nicht in Schubladen stecken, nicht in Gut und Böse unterteilen zu können, weil die Autorin so sehr mit ihnen und ihrer Wirkung auf mich als Leserin spielt, und auf der anderen Seite hat mich genau das sehr fasziniert. 

Letztendlich bleibt mir nur zu sagen: Lest "Miracle Creek"! 

Buchinfo:

Hanser (2020)
Hardcover mit Schutzumschlag 22,00 €
ÜBERSETZUNG: Marieke Heimburger


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

25.05.20

Im Schatten des Turms | René Anour





Hinter den Mauern des Narrenturms, der ersten psychiatrischen Heilanstalt der Welt ... Ein hervorragend recherchierter und extrem spannender Roman, der ein außergewöhnliches Stück Medizinhistorie vor der Kulisse weltgeschichtlicher Ereignisse erzählt.
Wien, 1787. Der Medizinstudent Alfred ist fasziniert vom sogenannten Narrenturm. Hier werden erstmals die Irrsinnigen behandelt, ein ganz neuer Zweig der Medizin. Doch die Zustände sind erbarmungswürdig. Und der Anblick einer jungen Frau mit seltsamen Malen auf den Armen lässt ihn nicht los.
Die junge Adlige Helene war noch nie am Wiener Hof. Ihr Vater hält Schönbrunn für eine Schlangengrube und will seine Tochter möglichst lange von dort fernhalten. Doch er kann sie nicht beschützen.
Der Student, der zu viel sieht. Und die Adlige, die frei sein will. Zwei Menschen, ein Schicksal – das sich im Schatten des Turms entscheiden wird …
Ein großes historisches Panorama: vom Narrenturm bis nach Schönbrunn, vom idyllischen Jagdschloss bis in die Türkenkriege.
(Text & Cover: © Rowohlt; Foto: © N. Eppner)


Vom Irrsinn befallen.
Besessen. 
In Teufels Händen.
Im 18. Jahrhundert gibt es viele Begriffe würde Menschen mit psychischen Abweichungen. Dass es sich dabei um Erkrankungen und nicht selbst verschuldete Rache eines bösen Wesens ist, begriff man erst sehr viel später. Dass es vielleicht die Möglichkeit geben könnte, diese Verfassung zu heilen, darüber denken Mediziner und Gelehrte schon nach. In Wien wird deshalb der Narrenturm errichtet. Schon der Begriff ist negativ behaftet. Der Umgang mit den Insassen noch viel mehr.

Historische Grausamkeiten werden mir immer erst dann bewusst, wenn ich damit konfrontiert werde. Bisher habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, mit welchen Vorurteilen und Leiden sich Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen in der Vergangenheit auseinandersetzen mussten. Mir ist in Etwa klar wie es im Nationalsozialismus ablief, dass es aber lange davor noch viel weniger Verständnis und Ängst gab, die Gewalt und Hass hervorriefen, davor habe ich bis dato scheinbar die Augen verschlossen.

René Anour greift diese Thematik in seinem Roman "Im Schatten des Turms" auf und verwebt sie in eine extrem spannende Geschichte, die einem Krimi in nichts nachsteht. Lügen, Intrigen, Mordaufträge und Gefahren, eingebettet in historische Fakten und Ereignisse. 

Im Fokus stehen zwei sympathische Hauptfiguren. Die junge Adelige Helene, die anders, als die jungen Frauen ihrer Zeit, mehr Interesse am Erlernen von Lesen, Schreiben, Geschichte und Mathematik, als an höfischem Gehabe und eleganten Tänzen, und Medizinstudent Alfred. Ein junger Mann, der zielstrebig auf seinen Abschluss als Mediziner hinarbeitet, obwohl er aufgrund mangelnder finanzieller Rücklagen mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen hat. Neben der Schwierigkeit Studiengebühren, Miete und Lebensmittel zu zahlen, ist es auch das fehlende gesellschaftliche Ansehen, dass ihm Hindernisse beim Ausüben der Tätigkeit als Mediziner Steine in den Weg legt. Sein Wunsch sich für die Menschen im Narrenturm einzusetzen, lässt ihn feststellen, dass Leben und Überleben willkürlich ist und einzig vom gesellschaftlichen Stand beeinflusst wird.

Als er sich ausgerechnet in Helene verliebt, schafft er sich eine Gegnerin, die mächtiger und einflussreicher, aber auch intriganter und hinterhältiger ist, als er geahnt hat. Eine Jagd auf Leben und Tod beginnt. 

Innerhalb von zwei Tagen habe ich "Im Schatten des Turms" weggesuchtet. Gefesselt vom Spiel aus Machtgier und Kontrolle, auf wechselnde Wege geführt von überraschenden Handlungen. Neben einem hoch hinausragenden Spannungsbogen, sind es auch die tiefgründigen Themen, die mich begeistern konnten. Welchen Blick werfen wir auf Menschen, die anders sind, als wir selbst? Wir sehr werden Menschen in ihrem geistigen Wachstum begrenzt, in der Demokratie eingeschränkt? Welchen Einfluss hat die Herkunft? Welchen Rahmen bietet die Gesellschaft? Funktioniert sie beschneidend oder unterstützend? Ergänzt durch historische Fakten über Monarchen, Kriege und Medizin, ist "Im Schatten des Turms" ein absolut lesenswerter historischer Roman, den ich gerne weiterempfehle.


Buchinfo:

Rowohlt (2019)
656 Seiten
Taschenbuch 13,00 €


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

22.05.20

Hin und nicht weg | Lisa Keil



Rob Schürmann ist als Tierarzt Tag und Nacht im Einsatz, und die Herzen der Tierbesitzerinnen fliegen ihm zu. Er will nur eine, aber die heiratet einen anderen.
Anabel aus Berlin tritt den Aushilfsjob in der Praxis Schürmann mit gemischten Gefühlen an. Schließlich passt sie mit ihren Tattoos und ihrem selbstbewussten Auftreten nicht ins beschauliche Neuberg und schon gar nicht an die Seite des charmanten Tierarztes.
Zwischen Hufverbänden und Pfotenoperationen geraten die beiden immer wieder aneinander. Und kommen sich näher.
Doch plötzlich steht ein dramatischer Notfall zwischen ihnen und ändert alles.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage; Foto:  © N. Eppner)


Nachdem ich so gerne "Bleib doch, wo ich bin" gelesen habe und darin Tierarzt Rob als Lieblingsfigur entdecken konnte, war für mich klar, dass ich seine Geschichte unbedingt lesen möchte. Ich habe sie geliebt!

Innerhalb weniger Leseeinheiten war "Hin und nicht weg" verschlungen. Ich mochte das Buch gar nicht zur Seite legen, weil die Zeit mit Rob und Anabel so schön war. Trotz kleiner Voraussehbarkeiten hat mich ihre Geschichte so gefesselt und begeistert.

Anabel flieht aus Berlin, als sie vor einem Streit mit ihren Bewohnern steht. Weglaufen, wenn es kompliziert wird, ist so ihr Ding und bisher hat es noch gut funktioniert. Dass es sie ausgerechnet in die Pampa verschlägt, damit hat sie nicht gerechnet. Die Möglichkeit dort Geld bei Tierarzt Robert Schürmann zu verdienen, kommt ihr ganz gelegen. Sie hat einige Schulden bei ihrem Vater, dem Menschen, von dem sie eigentlich nicht mehr abhängig sein möchte. 

Rob kämpft mit seinen Gefühlen für Kaya. Seine Traumfrau hat ihren Traummann geheiratet und Rob vergräbt sich wie immer in Arbeit. Die hilft ihm auch bei den anderen Problemen, die ihn gerade belasten. Für die Tierarztpraxis sieht es finanziell gar nicht gut aus und mit seiner Mutter hat er auch Ärger. Ob er in dieser Situation ausgerechnet so einen verrückten Wirbelwind wie Anabel gebrauchen kann?

Natürlich mischt auch in diesem Teil die eigensinnige Kaya ordentlich mit, aber der Fokus liegt auf Rob, dem sympathischen Tierarzt, dem sicher nicht nur mein Herz zufliegt. Neben den üblichen Schwierigkeiten mit Patienten, muss er sich mit seinem eigenen Privatleben auseinandersetzen. Mit seiner unerfüllten Liebe, aber auch mit seiner Vergangenheit, mit dem Erbe seines Vaters, das er so selbstverständlich übernommen hat. 

Es ist etwas schade, dass ich bis Sommer 2021 warten muss, bis ich wieder Zeit mit Kaya, Lars, Rob und Anabel verbringen kann. Dann erscheint ein weiterer Roman aus deren Leben. Besuchen würde ich die sympathischen Charaktere aber gerne jede Woche.



Buchinfo:

432 Seiten
Taschenbuch 9,99 €


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

16.05.20

Das Mädchen aus der Severinstraße | Annette Wieners




Als Sabine Schubert nach dem Tod des Großvaters ihrer Großmutter Maria hilft, das Haus aufzuräumen, kommen unter dem großen, schweren Teppich im Wohnzimmer alte Geldscheine zum Vorschein. Im Keller finden die Frauen Gold und begreifen, dass der Großvater vor langer Zeit ein Vermögen versteckt haben muss. Nur warum? Maria beschleicht eine Ahnung und sie gerät völlig außer sich. Sabine wird klar, dass in der Familiengeschichte erschreckende Lücken aufklaffen. Hat der Großvater in der angesehenen Kölner Metallgussfirma wirklich nur Spielzeug hergestellt? Auch die Großmutter scheint aus ihrer Zeit als berühmtes Fotomodell Einiges zu verschweigen. Damals, Ende der 1930er-Jahre, hieß sie Mary Mer und lernte den jüdischen Fotografen Noah kennen, den sie bis zum heutigen Tag nicht vergessen hat ...
(Text & Cover: © Blanvalet; Foto: © N. Eppner)

Es sind Geschichten wie "Das Mädchen aus der Severinstraße", die gegen das Vergessen helfen. Die von der Brutalität und Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus erzählen und wie nachhaltig er die Leben einzelner Menschen beeinflusst. Obwohl ich schon einige wahre und fiktive Geschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gelesen habe, bin ich immer wieder von neuem erschüttert. Entsetzt und traurig. Annette Wieners hat mir mit ihrem Roman, der angelehnt ist an die Vergangenheit ihrer eigenen Großmutter, aber nicht biografisch erzählt, die Tränen in die Augen getrieben. Mehr als einmal.

Erzählt wird auf zwei Ebenen. Aus der Sicht von Sabine Schubert und ihrer Großmutter Maria Schubert, einst bekannt als das Fotomodell Mary Mer, einer jungen Frau, die den deutschen Typ Frau so deutlich verkörperte, dass Hitlers Gefolgsleute auf sie aufmerksam wurden. Maria, rein arischen Blutes seit 1772, verliebt in einen jüdischen Fotografen, verehrt von den deutschen rechtsgerichteten Soldaten, die menschenverachtend handeln, sich arrogant über andere stellen, töten. Maria, die hilfsbereit ist und über einen Gerechtigkeitssinn verfügt und weder ihr Gesicht noch ihren Namen für etwas hergeben möchte, in dessen Sinne Menschen hingerichtet werden. Maria, die sich mit gefährlichen Menschen anlegt.

Die Erlebnisse des Krieges hallen noch über Generationen nach. Verluste, Ängste, Leere und Schuld haften an denen, die den Krieg mit seinen Schrecken erlebten, werden an Kinder weitergegeben, manchmal an Enkel. Menschen sind nicht mehr in der Lage gesunde Beziehungen zu führen, bleiben misstrauisch, verweilen in der Vergangenheit mit ihren Ängsten oder Hoffnungen. Diese Problematiken der Nachkriegsgenerationen werden von Annette Wieners sehr gut dargestellt. Sie nutzt eine zweite Erzählebene, die etwa in der Gegenwart spielt und die Sabine Schubert, die Enkelin von Maria in den Vordergrund stellt. Sabine hat mit dem Verlust der Mutter zu kämpfen und wiederholt ein Erlebnis der Großmutter, ohne überhaupt eine Ahnung davon zu haben, dass sie beide eine ähnliche Situation durchlaufen bzw. erlebt haben. 

Ich habe ganz winzig kleine Probleme mit der Sprache, die teilweise ein wenig simpel wirkt, prinzipiell aber gut zur Naivität der Situation passt, die teilweise zur NS-Zeit herrschte und die manche Menschen tatsächlich glauben ließ, das irgendwie alles gar nicht so schlimm sei. Außerdem gibt es einen Erzählstrang, der mit inhaltlich etwas aufstößt, einfach, weil ich da vom Fach bin und die Arbeitsweise der dargestellten Personen, als fragwürdig erachte.

Das alles sind Randkritiken, die eine untergeordnete Rolle spielen, denn im Vordergrund steht, was Wieners mit ihrem Roman gelingt: aufrütteln. Schockieren. Aufklären. Sensibilisieren.

Für mich ist Köln eine der schönsten Städte Deutschlands. Ich mag es, weil es bunt und trubelig ist. Tolerant und fröhlich. Dass Köln einst eins der Nazizentren war, in denen der Nationalsozialismus schnell und mehr als deutlich übergreifen konnte, war mir nicht bewusst. Es ist von roher Gewalt und hoher Brutalität die Rede. Von wenig Hilfsbereitschaft. Man kann es den Menschen, die heute dort leben, nicht vorwerfen, aber es darf nun mal nicht in Vergessenheit geraten.

Annette Wieners hat einen extrem spannenden Roman geschrieben, der mich sehr berührte. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, obwohl ich so viele Tränen vergossen habe. Für die Menschen, die damals gestorben sind, und für alle, die nicht die Eltern bekommen konnten, die sie verdient hätten, weil ein verrückter Mensch, eine wahnsinnige Ideologie deren Psyche und Menschlichkeit zerstörte. Lest dieses Buch, redet darüber, teilt es und gebt weiter, was ihr wisst, damit wir nie wieder in solch eine Situation geraten.

Buchinfo:

Blanvalet (2019)
480 Seiten
Hardcover 20,00 €



Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner


13.05.20

Bleib doch, wo ich bin | Lisa Keil




Kaya hat alles, was sie zu ihrem Glück braucht: eine kleine Buchhandlung in ihrem Heimatort, beste Freunde und ihr heiß geliebtes Shetlandpony. Für einen Mann, der länger bleibt als eine Nacht, ist eigentlich kein Platz in ihrem Leben.
Lasse ist überzeugter Großstädter und nur aufs Land gezogen, weil er als Lehrer die erstbeste Vertretungsstelle annehmen musste. Als Kaya ihn auf einer Scheunenparty trifft, ahnt sie nicht, dass der gutaussehende Typ der Klassenlehrer ihrer Nichte ist. Eine Begegnung mit aufregenden Folgen …
(Text & Cover: © Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)


Ein Roman, der auf dem Land spielt, in dem ein Shetlandpony eine wichtige Rolle spielt und die Protagonistin eine große Chaotin ist...muss ich lesen! So meine Ambition vor dem Aufschlagen der ersten Seite von "Bleib doch, wo ich bin". 

Nach dem Zuschlagen des Buches bleibt Begeisterung. Hier und da kleine Kritikpunkte, aber vor allem der Wunsch zurückzukehren nach Neuberg. Warum? Das erkläre ich gern.

Kaya ist eine ausgesprochen sympathische Protagonistin. Chaotisch, aber liebenswert. Verrückt nach Tieren und die beste Tante der Welt. Um letzterem Job gerecht zu werden, übernimmt sie das Gespräch mit dem Lehrer ihrer Nichte und gibt sich als deren Mutter aus. Ein Unterfangen, das unabsehbare Folgen hat.

Ich möchte inhaltlich nicht zu viel vorwegnehmen, denn ich möchte, dass alle Leserinnen und Leser den Effekt "Das macht sie jetzt nicht wirklich?" "Oh nein, was für ein Schlamassel" selbst erfahren.
Es sei so viel gesagt: Kaya springt von einem Fettnäpfchen ins Nächste. Ihre Art muss man einfach mögen und hat mich mehr als einmal zum Schmunzeln gebracht.

Als Dorfkind fühle ich mich natürlich sofort mit den Figuren verbunden. Zeitweise in meine eigene Zeit als Mitt-/ Endzwanzigerin zurück versetzt mit ein bisschen Fernweh nach der Heimat. Lisa Keil erzählt eine Geschichte, die mitten aus dem Leben gegriffen und so locker und authentisch erzählt ist, mit so viel Liebe zu den Figuren, zum Setting, zum Handeln, dass "Bleib doch, wo ich bin" schon alleine dadurch zu einem wahren Lesevergnügen wird. 

Hier und da gibt es eine absehbare Handlung, aber nichts desto trotz habe ich meine Zeit sehr gerne zwischen den Seiten verbracht und möchte jeder und jedem, die /der ein gutes Sonntagsbuch, eine Geschichte von Zuhause, sympathische Figuren, ein bisschen Ponywiehern und Liebe ohne Kitsch mag, "Bleib doch, wo ich bin" empfehlen.




Buchinfo:

352 Seiten
Taschenbuch 9,99 €


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

02.05.20

Bella Stella. Eine deutsch-italienische Familiensaga | Brigitte Pasini




Holstein, 1922: Stella liebt das Leben auf Gut Friederkamp, wo ihr Vater als Verwalter arbeitet. Und sie liebt Carsten, den Sohn des Gutsbesitzers. Doch Carsten heiratet eine standesgemäße Frau. Und Stella wird nach dem Tod des Vaters einfach vom Hof gejagt. Mit gebrochenem Herzen und völlig mittellos strandet sie im Hafen von Hamburg.
Romagna, Italien: Lorenzo verdingt sich als Landarbeiter. Seine große Liebe gilt Giuseppina, der Tochter eines ehrgeizigen Kaufmanns. Als die Faschisten die Macht übernehmen, muss Lorenzo fliehen. Nach einer Odyssee durch etliche Länder landet er schließlich bei seinem Onkel in Hamburg.
Im sündigen St. Pauli erfahren Stella und Lorenzo große Armut, aber auch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Doch werden sie auch ihre Herzen heilen können?
Eine packende deutsch-italienische Liebesgeschichte im Hamburg der 1920er Jahre - voller Zeitkolorit, dramatischer Wendungen und großer Gefühle.
(Text & Cover: ©Rowohlt; Foto: ©N. Eppner)


Ich liebe es ja sehr in der Zeit zu reisen. Vor allem, weil ich auch wieder zurückkehren darf, denn in der Vergangenheit war es als Frau noch viel schwieriger durchs Leben zu kommen, als es heute ist. 1922, in dem Jahr, in dem der Roman "Bella Stella" spielt, ist es zum Beispiel noch sehr viel schwieriger als Alleinerziehende durchs Leben zu kommen, als uneheliches Kind anerkannt zu werden oder als junge Unternehmerin Anerkennung und Respekt zu bekommen. Ja überhaupt die Erlaubnis zu erwerben, sich als Gewerbetreibende beruflich zu verwirklichen, ist ein Weg aus Hindernissen und Hürden. Außer, es handelt sich um das horizontale Gewerbe, dass man Frauen ja sehr gerne als berufliche Möglichkeit anbot, sobald sie nicht nach der Meinung bestimmter Männer handelten.

So ergeht es auch den Frauen des Romans "Bella Stella". Dort ist Stella, das schwächliche Mädchen, das mit dem Vater auf einem Gut lebt, auf dem dieser als Stallbursche arbeitet. Stella bleibt es verwehrt die große Liebe Carsten zu heiraten. Sie ist nicht standesgemäß und Geld hat sie auch keins. Auf Umwegen gerät sie nach Hamburg, in ein Mietshaus, in dem es von starken Frauen nur so wimmelt. Eine wie die andere ist resolut und energisch in der Erfüllung der eigenen Wünsche und Ziele. Ganz anders, als Stella es bisher aus ihrem Umfeld gewohnt ist.

Zeitgleich kommt es auch in Italien zu einer dramatischen Liebesgeschichte, in der Lorenzo, der aus dem Schatten der Eltern heraustreten möchte, zwischen die Fronten der Faschisten gerät. Auch ihn treibt es nach Hamburg und wie der Zufall es will, treibt es ihn in die Nähe von Stella. Doch seine Vergangenheit ist ein ewiger Begleiter und Hindernis auf dem Weg in die Zukunft.

Ich muss gestehen, dass ich mich vom Titel etwas in die Irre habe führen lassen und ich glaube, das ist der Grund, warum der Verlag noch den Aufkleber "Schauplatz Hamburg" hinzugefügt hat. Ich habe einen historischen Roman mit italienischem Flair erwartet. Die Handlung verweilt aber nur für kurze Zeit in Italien und ist größtenteils in Hamburg angesiedelt. Atmosphäre schafft die Autorin aber trotzdem. Mühelos tauche ich in die 20er Jahre mit allen Vorzügen und Widrigkeiten ein. Trotz manchmal etwas lockerer Erzählstränge, war der Roman es wert über 500 Seiten lang in der Geschichte zu verweilen. Die ein oder andere Handlung war für mich voraussehbar, hat der Erzählung als solches aber nicht geschadet.

Am meisten haben mich die Frauenfiguren begeistert. Eine wie die andere ist bunt, auffällig, stur und einnehmend. Sie ecken an, sind darauf aus durch Reibung zu Veränderung zu gelangen und lassen sich nicht davon abschrecken, dass man ihnen Steine in den Weg legt. Ich habe jede einzelne von ihnen sofort gemocht. Solche Frauen braucht die Welt. Damals, wie heute.


Bücherinfo:

Rowohlt (2019)
528 Seiten
Taschenbuch 10,99 €

Hier gehts zum kostenlosen eBook "Die Tochter des Gutsverwalters", der Vorgeschichte von "Bella Stella".


Rezensionen: ©2020, Nanni Eppner

26.04.20

Gut Greifenau 03. Morgenröte | Hanna Caspian


ACHTUNG!! Band 3 der Gut Greifenau Reihe. Die Rezension enthält Spoiler zu vorangegangenen Bänden.




1918 ist der Frieden mit Russland in greifbarer Nähe.
Nach einem Mordanschlag ist es fraglich, ob Konstantin das noch erleben wird. Immerhin pflegte die Dorflehrerin Rebecca ihn aufopferungsvoll. Graf Adolphis indes ist verzweifelt. Durch den Kauf von Kriegsanleihen ist das Gut hoch verschuldet.
Gräfin Feodora drängt Katharina zur Hochzeit mit dem Scheusal Ludwig, einem Neffen des Kaisers. Diese Verbindung wird zur Überlebensfrage für Gut Greifenau. Doch Katharinas Herz schlägt für den Industriellensohn Julius. Kurz vor der Hochzeit flieht sie. In Berlin gerät sie mitten in die Wirren der Novemberrevolution.
Der Krieg ist zu Ende und der Kaiser selbst geflohen.
(Text & Cover: © Droemer Knaur; Foto: © N. Eppner)


Was für eine Geschichte!! Mit jedem Band steigert sich Autorin Hanna Caspian, so dass ich mit Recht nach jedem neuen Buch aus der "Gut Greifenau"-Reihe sagen kann: diese Autorin versteht ihr Handwerk. Es gelingt ihr die Reihe so aufzubauen, dass sie mehr und mehr begeistert, dass alle Fäden zueinanderlaufen und ich als Leserin den Charakteren treu bleiben möchte, obwohl sie selbst einen steten Wandel vollziehen. Ich verstehe, dass die zunächst als Trilogie angesetzte Reihe so sehr begeistert, dass weitere Bände geschrieben und veröffentlicht wurden und ich freue mich auf jede weitere Minute, die ich auf Gut Greifenau verbringen kann.

Wieder wird die Familie derer von Greifenau Spielball historischer Ereignisse. In den Köpfen der Menschen schwelt noch der Krieg, obwohl der Frieden in scheinbar greifbare Nähe rückt. Das Ende der Kämpfe spaltet die Menschheit, ja sogar innerhalb der Familie kommt es zu unterschiedlichen Ansichten. Feodoras verwandschaftliche Band zu Russland führen zu Streitigkeiten, die Vernunft scheint der Gräfin mit dem Abdanken des Adels ebenfalls abhanden gekommen zu sein. Sie ist harscher, roher und besitzergreifender, als je zuvor. Dies bekommt vor allem Nesthäkchen Katharina zu spüren, die den Gewalttätigen Neffen des Kaisers heiraten soll, um Feodoras Platz in der Gesellschaft zu sichern und der Familie zumindest einen letzten Rest Würde zu bewahren.

Nicht nur der Adelstitel schwindet, auch die finanziellen Rücklagen der Familie sind mehr und mehr aufgebraucht. Durch die vom Krieg herbeigeführte Notlage, aber auch durch Adolphis Misswirtschaft und Neigung zu Spiel und Prostituierten. Letztere kosten ihn nicht nur viel Geld, sondern auch seine Gesundheit. Die letzte Hoffnung des Gutes ist Konstantin, der jedoch Opfer eines Mordanschlags wird.

Kann die unbeugsame Kataharina, die mehr Toleranz für neue Denkansätze an den Tag legt, als es ihrer Mutter recht ist, die Familie vor dem Untergang bewahren? 

Katharina ist für mich eine DER Figuren dieser Romanreihe. Sie verkörpert alles, was ich mir auch heute noch von (jungen) Frauen wünsche. Sie schwimmt nicht mit dem Strom, ist offen für Neues, denkt kritischund reibt sich auf, um gegen Unrecht anzugehen. Erschien sie mir in Band 1 noch als dummes, junges Ding, bin ich begeistert von ihrer Entwicklung und sehe sie als moderne Figur im historischen Kontext. 

Überhaupt sind es die weiblichen Figuren, die mich begeistern. Caspian verdeutlicht an ihnen wie hart wir Frauen uns Rechte erkämpfen mussten, wieviel Arbeit in diesem Bereich auch nach wie vor noch geleistet werden muss. Obwohl es sich um eine fiktive Geschichte handelt, setzt Caspian bei mir viel in Bewegung. Ich lerne, ich erkenne, ich überdenke. Wissen und verstehen ist Macht, ist Hilfsmittel für Veränderung. Dieses Wissen darf sehr gerne aus einem wirklich gut geschriebenen, unterhaltsamen und für eine breite Masse verständlichen Roman kommen. Weiter so, liebe Frau Caspian, es gibt auch in anderen Jahren unserer Geschichte noch viel (Auf-)Klärungsbedarf.


Buchinfo:

576 Seiten
Taschenbuch 9,99 €


Reiheninfo:
1. Gut Greifenau. Abendglanz
2. Gut Greifenau. Nachtfeuer
3. Gut Greifenau. Morgenröte
4. Gut Greifenau. Goldsturm
5. Gut Greifenau. Silberstreif (ET: Dezember 2020)


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

15.04.20

Hurenglück. Die Lilien von London | Tabea Koenig





London, 1908: Auf der Schwelle in eine neue Epoche. Zur Londoner Saison reisen Emily, Liam und ihre Kinder in die Hauptstadt Großbritanniens. Was als gesellschaftliches Spektakel geplant war, endet im Fiasko. Während die älteste Tochter Margery in die Gesellschaft eingeführt und dem König vorgestellt wird, gewinnen militante Suffragetten den Sprössling Ines für ihre Zwecke. Und Victor, der einzige Sohn? Als er eine verbotene Liebschaft eingeht, gefährdet er dadurch die gesamte Familie.
(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


"Hurenglück. Die Lilien von London" ist der dritte Band einer im viktorianischen London angesiedelten historischen Reihe über starke und mutige Frauen in einer Zeit, in der die soziale Wahrnehmung von Frauen sehr reduziert wird. Ein Thema, das Tabea König durch ihre Charaktere immer wieder deutlich herausarbeitet.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Margery, Ines und Victor, drei taffe junge Menschen, die mit den Schwierigkeiten ihrer Zeit zu kämpfen haben. Die drei sind Nachkommen von Emily und Liam, den Protagonisten des ersten Hurenromans von Tabea König. Mit Christine Gillard treffen wir eine weitere bereits bekannte Figur. Trotzdem ist es problemlos möglich "Hurenglück" unabhängig von den anderen Bänden zu lesen. Mehr Vergnügen bereitet das Lesen, wenn die Bücher in der entsprechenden chronologischen Reihenfolge gelesen werden. 

Tabea König hat wieder einmal eine fesselnde Geschichte geschrieben, die mit historischen Fakten verwoben, an Authentizität und damit auch an Spannung gewinnt. Es sind aber vor allem die Figuren, die mich mit Sympathien an das Buch binden. Gefühlt ist die Geschichte der drei Sprösslinge eine Art Coming-of-Age Story, aber eben der Epoche angepasst. Auflehnung bedeutet damals wie heute andere Wege einzuschlagen, als die Eltern. In 1908 schloss man sich eben den Suffragetten an. Aber Emily und Liam wären nicht Emily und Liam, wenn sie ihre Kinder nicht zu Menschen mit Werten erzogen hätten. Wie die Vergangenheit schon zeigte, sind die beiden ein Paar, das für die eigenen Bedürfnisse kämpfen kann und für Freunde und Familie durchs Feuer geht. 

"Hurenglück" ist ein runder letzter Band der Hurenreihe, deren Titel ich sehr misslungen finde und die sicher den oder die ein oder andere Leser:in davon abhalten, zum Buch zu greifen. So ist zumindest die Erfahrung in meinem Umfeld, was ich sehr schade finde, denn jeder einzelne Roman ist spannend und eine Empfehlung für alle Leserinnen und Leser von historischen Liebesgeschichten.


Buchinfo:

Piper (2019)
428 Seiten
Broschur 16,99 €


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner 

23.03.20

Der Gesang der Flusskrebse | Delia Owens






Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.(Text & Cover: © Hanser; Foto: © N. Eppner)



"Der Gesang der Flusskrebse" bei mir einziehen zu lassen, war eine intuitive Bauchentscheidung. Danach habe ich leider - warum auch immer - lange nicht den richtigen Moment gefunden es zu lesen. Um mich herum häuften sich die positiven Meinungen, herausragenden Besprechungen und als mir eine Freundin, die nicht bloggt, dazu riet den Roman zu lesen, musste ich dem Folge leisten. Endlich. Zum Glück. 

"Der Gesang der Flusskrebse" hat Etwas, das nur wenige Bücher haben. Dieses Besondere, diese Feinheit, diese absolute Harmonie aus Handlung und Atmosphäre, die sich fast wie eine Aura um das Buch herum legt.

Protagonistin Kya Clark hat in ihrer Kindheit Erfahrungen gemacht, die dafür sorgen, dass sie nicht in der Lage ist eine gesunde Bindung einzugehen. Eine gute Version von geliebt werden, von Sicherheit durch Beziehung, kennt sie nicht. So ist es unabdingbar, dass es zu Schwierigkeiten kommt, als zwei junge Männer Kyas Nähe suchen. Als einer von beiden tot aufgefunden wird, ist für die Bewohner der nahe gelegenen Kleinstadt klar, dass nur Kya das Übel des Bösen sein kann. Schon immer ist den Menschen von Barkley Cove ein Dorn im Auge. Mit ihrer Andersartigkeit löst sie Ängste und Faszination aus, die sich in Ablehnung oder dem dringenden Wunsch sie zu besitzen äußern. 

Die Isolation in der Kya lebt, ist traurig und beklemmend. Ich wünsche ihr Freunde, Familie, einen Menschen, der ihr Sicherheit gibt, der oder die ihr eine Bindung bietet. Auf der anderen Seite lernt sie Kompetenzen, die eben aus dieser Isolation wachsen. Eine Verbundenheit zur Natur, die Fähigkeit die Natur in all ihrer Schönheit und Kraft wahrzunehmen. Eine Stärke zu der sie gezwungen ist, um zu überleben. Ich schwanke zwischen Ängsten und Hoffnung, zwischen Demut und Entsetzen. Owens wirft mich in einen Strudel aus Gefühlen, aus dem ich letztendlich mit einer wohligen Wärme im Bauch hervortauche.

Delia Owens erzählt auf zwei Ebenen. Die eine Ebene verläuft chronologisch nach vorn, die andere rückwärts. Beide Ebenen nähern sich einer Gegenwart an, die dann als Haupterzählstrang bis zum Ende weiter läuft. Sprachlich erinnert mich der Roman an Werke wie "Wer die Nachtigall stört", was vielleicht auch daran liegt, dass rassistische Ablehnung ein Thema des Buches ist. 

"Der Gesang der Flusskrebse" ist ein ganz wundervoller, sehr berührender, bedeutender und unvergesslicher Roman, der ganz viel anstößt in mir. Der Themen wie z.B. Entwicklungspsychologie der Kindheit auf so besondere Art, eindringlich und sanft zugleich, nahe bringt. Eine große Leseempfehlung!



Buchinfo:

464 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag 22,00 €
ÜBERSETZUNG: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

21.02.20

Der Gutshof im Alten Land | Micaela Jary




Frühling 1919: Edzard von Voss, der Patriarch eines herrschaftlichen Gutshofs im Alten Land, liegt im Sterben. Seine Söhne sind im Krieg vermisst und wahrscheinlich gefallen, der Erbe wäre nun sein raffgieriger Neffe Roland, den Edzards Tochter Finja aus Familienraison heiraten soll. Unerwartet steht jedoch ein Kamerad des jüngsten Sohnes Lennart vor der Tür, der diesem ähnlich sieht. Edzards Frau beschließt, den angenehmen Fremden als ihren Sohn auszugeben. Der Schwindel gelingt, Finja ist frei – sehr zum Ärger von Roland. Doch dann taucht plötzlich eine junge Frau auf, die behauptet, Lennart sei der Vater ihres kleinen Kindes ...
(Text & Cover: © Randomhouse; Foto: © N. Eppner)

Bücher von Micaela Jary sind für mich wie ein Nest, in das ich mich immer wieder betten kann, um mich geborgen und wohl zu fühlen. Ich weiß was auf mich zukommen wird. Ich werde unter Garantie einer guten Geschichte begegnen. Einer spannenden, ausgiebig recherchierten, authentisch wirkenden Geschichte mit starken Figuren. Das hat gar nichts mit Vorhersehbarkeit zu tun, sondern mit Micaelas handwerklichem Können.

Vorhersehbar ist der Roman "Der Gutshof im Alten Land", der im Jahr 1919 spielt, keineswegs. Die Handlung steckt voller Überraschungen und wie immer, wenn ich eins der Bücher von Micaela Jary lese, kann ich das gute Stück kaum aus der Hand legen und verschlinge es in zwei, drei Leseeinheiten.

Die Schreibe ist eingängig, erfahren im Beschreiben von historischen Begebenheiten unter Hinzunahme von fiktiven Personen und Handlungen. Meine Reise in die Vergangenheit bedurfte nur weniger Seiten, um anzukommen, um mittendrin zu sein im Geschehen und der Atmosphäre dieser Zeit, die geprägt ist von Verlusten, Ängsten und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Eine politische Umbruchsstimmung, die wir in "Der Gutshof im Alten Land" zwar nur am Rande mitbekommen, die aber dennoch deutlich zu spüren ist.

Alle verhoffen sich etwas von dieser Zeit nach dem Krieg. Finja, die Tochter von Gutsbesitzer Edzard von Voss, möchte Tiermedizin studieren - zu dieser Zeit eine noch eher ungewöhnliche Tätigkeit für eine junge Frau, vor allem, wenn sie dem (Land)Adel entspringt. Ungewöhnlich, aber nicht mehr abwegig, denn faktisch steht ein Umbruch bevor, der den Adel mit ganz neuen Lebensumständen konfrontieren wird, und auch die Rechte der Frauen werden sich ändern. 1919 dürfen  sie erstmalig wählen.

Finja ist starrköpfig und weiß nicht nur, was sie möchte, sondern auch, was sie nicht möchte. Ihren Cousin Roland heiraten. Das wird sie aber müssen, wenn sie weiterhin für die Belange des Gutes verantwortlich sein möchte. Da ihre Brüder beide verschollen sind, ist Roland der nächstmögliche Erbe. Vater Edzard von Voss liegt bereits im Sterben und ein Nachfolger wird in Bälde eingesetzt werden müssen.

Doch dann: ein unerwarteter Lichtblick. In Form von Clemens Curtius, einem Kriegskameraden Lennarts, der dem jungen Gutsherren zur Verwechslung ähnlich sieht. Caroline von Voss bittet Clemens kurzfristig in die Rolle ihres Sohnes zu schlüpfen, um Edzard von Voss am Sterbebett einen Herzenswunsch zu erfüllen. Ob dieses Verwirrspiel sinnvoll ist oder ob damit erst recht eine Tragödie beginnt, das muss schon jeder selbst herausfinden.

Ich kann nur sagen, dass ich wieder einmal völlig gefesselt war, von Micaela Jarys Fähigkeiten Leserinnen und Leser abzuholen und in eine Geschichte hinzuversetzen. Kopfkino pur und wie immer eine große Leseempfehlung.


Buchinfo:

Goldmann (2018)
416 Seiten
Taschenbuch 10,00 €



Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

17.02.20

Hurenmord. Die Rose von Whitechapel | Tabea König





Whitechapel, 1888: Die junge Witwe Christine Gillard macht eine schwierige Zeit durch. Einst eine ehrlose Hure aus Glasgow, leitet sie heute in Whitechapel ein Frauenhaus. Der Körper ihres verstorbenen Gatten ist kaum erkaltet, da beginnen in ihrer Einrichtung die grausamsten Morde der Londoner Geschichte. Zusammen mit Liam und Emily unterstützt Christine die Polizei bei den Ermittlungen. Dabei kommt sie nicht nur dem attraktiven Inspektor John Pike näher, sondern auch in das Visier von „Jack the Ripper“. (Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


"Hurenmord. Die Rose von Whitechapel" ist ein weiterer Band aus der Feder Tabea Königs, der im viktorianischen England spielt. Einem Setting, das an sich schon faszinierend und spannend ist, von König aber noch durch selbstbewusste Frauenfiguren und einer Handlung rund um Jack the Ripper aufgepeppt wird.

Im Mittelpunkt des Romans steht Christine Gillard, deren Bekanntschaft ich schon in "Hurentochter. Die Distel von Glasgow" machen durfte. Obwohl es einige Überschneidungen zwischen den beiden Büchern gibt, können sie auch unabhängig voneinander gelesen werden. Mehr Lesevergnügen entsteht, wenn zuerst die Distel und dann die Rose gelesen werden.

Christine Gillard habe ich als selbstbewusste, moderne und etwas aufmüpfige junge Frau kennengelernt. Nun lebt sie in London und ist bereits Witwe. Ihr Mann war gut betucht, hat ihr reichlich Vermögen hinterlassen und war etliche Jahre älter als Christine. Sein Sohn Adrian ist eher ihr Jahrgang, ist aber nie mit der ehemaligen Prostituierten warm geworden und wirft ihr vor den Vater nur des Geldes wegen geheiratet zu haben. Dies ist niemals Christines Hintergedanke gewesen. Der Tod ihres geliebten Mannes stürzt sie in tiefe Trauer.

Dadurch vernachlässigt sie auch ihr Herzensprojekt: ein Frauenhaus. Ein Heim für Frauen, die mittellos sind oder vor dem eigenen Mann oder der Familie fliehen müssen. Ein weiterer Dorn in Adrians Auge.

Als grausame Morde London erschüttern muss Christine aus ihrer Lethargie erwachen. Die verstümmelt und zerschnitten aufgefundenen Frauenleichen sind allesamt Bewohnerinnen des Frauenhauses. Wer hat es auf die armen Geschöpfe abgesehen? Wer ist so grausam so hart gegen sie vorzugehen? Oder ist die Brutalität gar gegen Christine gerichtet, die mit dem Frauenhaus gegen viele Konventionen verstößt?

Wieder einmal ist Tabea König ein ausgesprochen kurzweiliger Roman gelungen, der mich sogar  noch mehr fesseln konnte, als der Vorgänger. Zwischen fiktiven Figuren und Geschichten bettet sie den Mythos Jack the Ripper, der sicherlich nicht derselbe war, wie im Roman, aber in der Realität durch eben diese Grausamkeit beim Morden berühmt wurde. 

Ich hatte zu Anfang eine Ahnung, wer der Mörder sein könnte, doch niemals eine Idee für das Motiv. Tabea König hat mich von Seite zu Seite in die Irre geführt, so dass die Aufklärung der Mordfälle letztendlich eine große Überraschung waren. 

Aus einigen Berichten der Autorin weiß ich, dass sie sehr ausführlich recherchiert. Dadurch bekomme ich als Leserin einen sehr guten Einblick in die Verhältnisse und das Leben der viktorianischen Zeit. Im Vordergrund des Buches steht das Bild der Frau. Widrigkeiten mit denen sie zu kämpfen hatten, Missstände ihrer Rechte und Erwartungen, die sie erfüllen sollten. 

Weil mich Tabea König bereits zweimal so begeistern konnte, werde ich auf jeden Fall auch "Hurenglück. Die Lilien von London" lesen.


Buchinfo:

Piper (2019)
336 Seiten
eBook 6,99 €

Reiheninfo 

(die Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden)
Hurenmord. Die Rose von Whitechapel
Hurenglück. Die Lilien von London


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

04.02.20

Nächstes Jahr in Havanna | Chanel Cleeton




Havanna 1958: Elisa, Tochter eines Plantagenbesitzers, verkehrt in den besseren Kreisen Havannas und weiß kaum etwas über die Lage des Landes. Bis sie einem Mann begegnet, der tief verstrickt ist in die politischen Umwälzungen, die ihre Zukunft für immer verändern werden.
Miami 2017: Marisol macht sich auf den Weg nach Kuba. Sie wird zum ersten Mal das Land kennenlernen, in das ihre Großmutter zeit ihres Lebens zurückkehren wollte und in dem sie nun beigesetzt werden soll …
(Text & Cover: © Randomhouse; Foto: © N. Eppner)


Havanna. Zigarren. Rum. Fidel Castro. Die einzigen vier Bezeichnungen aus Kuba, die ich zumindest dem Namen nach kannte. Deren Bedeutung mir aber zu größten Teilen fremd war. Zumindest über Havanna und Fidel Castro wusste ich nichts. Eine Lücke in meinem Wissen über andere Länder und deren Geschichte. Über Politik. Ich bin wirklich froh, dass ich "Nächstes Jahr in Havanna" lesen durfte. Der Roman hat meinen Blick auf Kuba verändert. Dazu beigetragen meinen Blick auf Demokratie und Diktatur, Grundrechte und Armut zu schärfen. 

Klingt zunächst etwas staubig, ist es aber nicht. Chanel Cleeton hat einen unterhaltsamen wie lehrreichen, spannenden wie aufreibenden Roman geschrieben, der mich von den ersten Seiten an fesseln konnte. 

Protagonistin Marisol hat ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Großmutter Elisa, die als junge Frau mit ihrer Familie aus Kuba in die Vereinigten Staaten auswanderte. Als Elisa stirbt, ist Marisol diejenige, die Elisas Asche nach Kuba bringt, um dort einen geeigneten Platz für die letzte Ruhe der Großmutter zu finden. Ihr Job als Journalistin kommt ihr zugute. So kann sie die Reise als journalistische Recherche tarnen.

Was bei ihrem Arbeitgeber gut ankommt, ist in Havanna weniger gerne gesehen. Journalisten, die herumschnüffeln. Die politische wie soziale Missstände aufdecken wollen. Während Marisol erschütternde Geheimnisse über ihre Familie aufdeckt, gerät sie unverhofft in Gefahr.

Chanel Cleeton reist mit ihrem Roman in die Zeiten des Umbruchs. Der Revolution durch Fidel Castro. Ich las erschütternde Tatsachen, die ich mir so nicht vorgestellt hatte. Verpackt werden diese historischen Ereignisse, die Kuba bis heute prägen und gestalten, in eine fiktive Handlung voller Dramatik und großer Gefühle. Trotz dessen, dass Marisols persönliche Geschichte der rote Faden des Romans ist, gehen die Schwierigkeiten der politischen Lage Kubas, sowie die Gewalt und Beschneidung freier Meinung, die das Land sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart erfährt, nicht unter. 

Damit hat Cleeton einen lehrreichen, aufklärenden Roman geschaffen, der mich so sehr einnehmen konnte, dass ich sehr gerne auch den zweiten Teil der Kuba Saga "Wir träumten von Kuba" lesen möchte.


Buchinfo:

Heyne (2019)
464 Seiten
Klappenbroschur 10,99 €
ÜBERSETZUNG: Stefanie Fahrner

Reiheninfo:

1. Kuba Saga: Nächstes Jahr in Havanna
2. Kuba Saga: Wir träumten von Kuba


Rezensionen: © 2020, Nanni Eppner

15.01.20

Nach dem Tod gleich links | Anna Buchwinkel




Else glaubt mit Ende 50 in Schlagersänger Bernhard Bardensiehl endlich die große Liebe gefunden zu haben, auch wenn sie ihn vorerst nur aus der Ferne anschmachtet. Doch der Tod macht ihr einen Strich durch die Rechnung, denn Bernhard verunglückt. So schnell lässt sich Else ihr Glück jedoch nicht nehmen und so verteidigt sie ihn gegen den Außendienstmitarbeiter des Todes, Detlef, der Bernhard holen soll. Als neuer Mitarbeiter der Life Limited Ltd. ist Detlef eigentlich dafür zuständig, Lebensfäden zu durchtrennen, findet jedoch bald mehr Gefallen daran, stattdessen Leben zu retten.  Während er sich mehr und mehr von seinem Arbeitgeber entfernt und schließlich eine Revolution beim Tod lostritt, beginnt für Else und ein ganzes Sammelsurium an schrulligen, aber liebenswerten Menschen, eine turbulente Reise, bei der es buchstäblich um Leben und Tod geht - und natürlich um die Liebe. (Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)


Ich habe selten eine Geschichte gelesen, die witzig und rührend zugleich ist. Doch genau diese Eigenschaften vereint "Nach dem Tod gleich links", das Debüt der sympathischen deutschen Autorin Anna Buchwinkel, die glücklicherweise an ihrem zweiten Roman schreibt.

Im Klappentext wird die über 50-jährige Else als Protagonistin beschrieben, doch eigentlich gibt es gar keine Hauptfigur im Roman, sondern viele Figuren mit Lebensgeschichten, die auf der einen Seite sehr eigensinnig klingen, auf der anderen Seite aber auch aus deiner oder meiner Nachbarschaft stammen könnten. Das Leben schreibt eben die interessantesten Geschichten.

Das dachte auch Anna Buchwinkel und so hat sie einige in ihrem Roman zusammen getragen. Wer sich für Menschen und deren Schicksale interessiert, kommt hier voll auf seine Kosten.

Lebenswege, die in Kurven verlaufen und von vielen Steinen geprägt sind, werden auf Buchwinkels eigene Art gezeichnet. Mit viel Respekt vor den Schwierigkeiten, die sie durchlaufen müssen, aber einem gewissen Lächeln auf den Lippen. Getreu dem Motto "mit einem Lächeln ist alles leichter zu ertragen" bringt sie Leserinnen und Leser an schwierige Themen heran. Depressionen, Suizid, Verlust geliebter Menschen - Probleme, die im Buch angesprochen und sehr gut erklärt werden. Buchwinkel kennt sich mit psychischen Erkrankungen und Folgen von schwer zu verarbeitenden Schicksalssschlägen aus, das macht die authentische Darstellung eben solcher deutlich. Die Leichtigkeit mit der sie über diese Themen schreibt, sorgt dafür, dass sie für Leserinnen und Leser eingängig sind. Gleichzeitig gelingt es ihr Emotionen hineinzubringen, die Empathie wecken und Vorurteile auslöschen können.

Die Schreibe ist etwas eigenwillig und eventuell nicht jedermanns Geschmack. Ähnlich einem Theaterstück wechselt die Handlung in Akten. Beschreibungen zu Orten und Personen werden hinzugefügt. Der Erzählton ist inbrünstig und passt sehr gut zu den Ereignissen.

"Nach dem Tod gleich links" ist ein humorvoller Roman über Liebe, Hoffnung, über Geben und Geliebt werden, über Vertrauen und Mut. Ein Roman, in dem es sehr menschelt und der mit Witz und Charme berührt. Eine liebenswerte Geschichte, die ich sehr gerne weiterempfehle.


Buchinfo:

Piper (2019)
368 Seiten
Taschenbuch
14,99 €

17.12.19

Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer | Jenny Colgan



Dies ist die Fortsetzung von "Die kleine Sommerküche am Meer" und kann Spoiler zu Band 1 enthalten.






Mit ihren hellrosa Wänden, der Theke voller duftender Scones, Kuchen und Quiches sowie den urigen Steingutbechern für den Tee ist Floras kleine Sommerküche auf der Insel Mure inzwischen ein beliebter Treffpunkt von Einheimischen und Touristen. Neben ihrem Café, ihrem Hof und der Wettervorhersage, gehört jedoch auch Joel, ihr ehemaliger Chef und heutiger Freund zu Floras Universum. Nur ist er beruflich allzu oft in der Welt unterwegs – und während Flora unter diesen ständigen Trennungen leidet, scheint er davon unberührt. Es braucht einen ganzen Sommer, eine Hochzeit und eine Beinahe-Katastrophe, bis er erkennt, dass er kurz davor ist, Flora zu verlieren.(Text & Cover: © Piper; Foto: © N. Eppner)



Wie schön war es zur Insel Mure zurückzukehren. Es fühlte sich an wie eine Reise zu einem Ort, den ich schon sehr lange kenne. Dessen Bewohner mir vertraut sind. Ein Gefühl, dass ich mir bei Reihen wie dieser ganz unbedingt wünsche.

Die Rückkehr nach Mure ist umgeben von ganz viel Freude, aber auch gespickt mit vielen Schwierigkeiten. Wie das im Leben so ist, gehen Freud und Leid einher. 

Flora und Joel sind endlich zusammen. Während Flora sich tief und mit all der ihr üblichen Hingabe in die Beziehung stürzt, wird Joel immer noch von dem ausgebremst, was ihm in seiner Kindheit widerfahren ist. Er kennt keine stabilen Bindungen, keine bedingungslose Liebe wie Eltern sie vermitteln und die dabei hilft vertrauensvoll auf andere Menschen zugehen zu können. Er kann sich nicht für Flora öffnen. Es macht ihm regelrecht Angst so sehr geliebt zu werden. 

Zu all diesem Gefühlschaos kommt hinzu, dass sein Chef Colton Rogers eine Aufgabe von ihm verlangt, die schier unmöglich ist und all dieses mühevoll aufgebaute Vertrauen erschüttern wird.

"Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer" ist eine Fortsetzung voller Geheimnisse und Hindernissen. Die Kritik, dass es ein wenig an Tiefe fehlt, die ich an Band 1 "Die kleine Sommerküche am Meer" übte, greift in diesem Roman gar nicht. Jenny Colgan kreiert soziale Höhen und Tiefen at its best.

Als Oberthema des Romans steht ganz sicher das Wort "Beziehungen", denn nicht nur für Flora wird es schwierig, sondern auch für einen anderen Inselbewohner, der sich mit zwei Jungs auseinandersetzen muss, die stark traumatisiert sind und die in den letzten Jahren ihres noch jungen Lebens eine falsche Vorstellung von Bindung bekommen haben. Dies alles aufzuarbeiten ist harte Arbeit. Zum Glück sind die Bewohner von Mure eine eingeschworene Gemeinschaft, die einander stützt.

"Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer" hat mir richtig gut gefallen. Der Roman endet mit einem bösen Cliffhanger, was meinen Wunsch Band 3 "Weihnachten in der kleinen Sommerküche am Meer" lesen zu wollen, nur bestärkt.



Buchinfo:

Piper (2019)
464 Seiten
Klappenbroschur
ÜBERSETZUNG: Sonja Hagemann

Reiheninfo:

2. Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer
3. Weihnachten in der kleinen Sommerküche am Meer


Rezensionen: © 2019, Nanni Eppner