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13.09.21

Victor Flec 01. Jagd durch die Stadt der Geister | Angela Kirchner



 

Geister, Gangster und ganz viel Humor: Ein spannendes Abenteuer in einer originellen Geisterwelt mit zwei unvergesslichen jungen Helden. Ab 10 Jahren.
Victor Flec hat Glück: Er lebt in einer der wenigen Städte, die ein echtes Ghostend, also ein Geisterviertel, besitzen! Und seine Freundin Ciel Moon ist sogar unter den Geistern aufgewachsen. Mit den Spukgestalten aus Filmen haben die zwar nichts zu tun, aber Victor findet sie irre aufregend. Zu aufregend vielleicht? Denn leider kommt er ausgerechnet dem berüchtigten Gangster-Geist Lex Cordicio in die Quere und muss nun einen mysteriösen Auftrag für ihn erledigen. Bald wird klar: Nicht nur Vic ist in Gefahr, sondern die ganze Welt …
(Text & Cover: © Fischerverlage; Foto: © N. Eppner)

Es war so eine Freude "Victor Flec. Jagd durch die Stadt der Geister" zu lesen und ich wünsche mir sehr, dass es von ganz, ganz vielen kleinen und großen Leserinnen und Lesern gelesen wird.

Victor Flec ist ein sehr tolpatschiger Junge. So sehr, dass er von seinen Eltern einen Schutzanzug bekommen hat, um sich nicht ständig zu verletzen. Seine Anzahl an Freunden ist überschaubar. Seit einiger Zeit trifft er sich mit Ciel, die eine ziemlich berühmte Großmutter hat und ne richtg coole Socke ist. Ciel ist unter Geistern aufgewachsen. In Ghostend, einem echten Geisterviertel, in dem Victor seit kurzem einen Nebenjob bei einem Antiquitätenhändler-Geist hat. Als er auf dem Weg zur Arbeit über Lex Cordicio stolpert, gerät sein Leben ganz schön durcheinander...

Das coolste am Roman (der eigentlich durchweg so richtig, richtig cool ist) sind seine Figuren. Angefangen bei Victor, der so liebenswert tolpatschig und sehr klug ist, über eine Hexengehilfin und einen Gangstersohn, bis hin zu Ciel Moon, die so großartig ist in ihrer frechen und mutigen Art (sie hat ein bisschen was von Pippi und Ronja und ist dabei so individuell, dass sie einfach nur ein mega Idolcharakter für alle Leserinnen ist). 

Sowohl bei den Charakteren, als auch der Handlung lässt Angela Kirchner ihrer Fantasie ihren Lauf. Die kennt scheinbar keine Grenzen. Ist ideenreich und bunt.

Von der Sprache bin ich sehr angetan. Ich lese gerne Kinderbücher, bin aber häufig gelangweilt, weil die Schreibe so banal ist. Angela fordert ihre Zielgruppe und kann damit auch sehr gut erwachsene Leser:innen erreichen. Nichts ist vorhersehbar und kurz vorm Ende gibt es nochmal...ach, am besten liest du das selbst.

Ganz große Leseempfehlung für Victor Flec, das mich mit wunderbaren, kreativen Ideen, Spannungen, einer richtig guten Schreibe und so liebenswerten Charakteren absolut begeistern konnte. Zum Glück ist der zweite Band schon in der Mache.


Buchinfo:

336 Seiten
Hardcover 15,00 €


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner



27.08.21

Der Orden des geheimen Baumes | Samantha Shannon

 



Klappentext "Die Magierin":
In ihrem epischen Fantasy-Roman „Der Orden des geheimen Baumes“ hebt Samantha Shannon das Genre auf die nächste Stufe. Mächtige Frauen lenken und beeinflussen das Schicksal ihrer Welt, ob als Königin, Magierin oder Drachenreiterin. Doch die Welt ist geteilt: Während im Westen alle Drachen als absolut böse verdammt werden, werden diese im Osten als göttergleiche Wesen verehrt. Trotz dieser gegensätzlichen Weltanschauungen müssen die Menschen des Ostens und des Westens zusammenarbeiten, als ein riesiger bösartiger Drache aus der Vergangenheit wieder aufersteht. Drei starke Frauen nehmen die Herausforderung an, die Bewohner beider Reiche zu vereinen, um die Menschheit zu retten …
(Text & Cover: © Randomhouse; Foto: © N. Eppner)


"Der Orden des geheimen Baumes" ist ein absolutes Highlight im Bereich der High Fantasy. Samantha Shannon kreiert eine spannende neue Welt, die beherrscht wird vom Fanatismus verschiedener Glaubenszugehörigkeiten, und eine Protagonistin, die in ihrer Heldenhaftigkeit eine Figur mit Suchtpotenzial ist.

Der Originaltitel "The Priory Of The Orange Tree" ist in einer Ausgabe erschienen und wurde für den deutschen Markt in zwei Titel geteilt. Ich kann dir nur raten direkt beide zu kaufen, denn nach Band 1 "Die Magierin" möchtest du definitiv wissen, wie es weitergeht. In meiner Rezension fasse ich meine Meinung zu beiden Büchern zusammen.

Der Einstieg in die Geschichte ist nicht ganz leicht. In jedem Kapitel werden dir neue Charaktere um die Ohren geworfen. Die vielen Namen zu merken war für mich etwas schwierig, aber obwohl ich nicht viel Lesezeit zur Verfügung hatte und immer nur Häppchenweise lesen konnte, fühlte ich mich von Anfang an von Eadaz, Tané, Sabran, Niclays und Loth in Bann gezogen. Eine Karte und ein Personenregister begleiten den Roman und verhelfen zu einer besseren Übersicht.

Über viele Generationen herrschen Königinnen über das Reich Inys. So auch Sabran, eine von vielen in ihrer Familie, die den Thron von der Mutter übernommen hat. Sie ist für den Fortbestand ihres Geschlechts zuständig. Bricht die Reihe der Königinnen ab, wird ein bösartiger Drache auferstehen und die Herrschaft übernehmen. Ihr zur Seite gestellt ist eine Magierin, die zu Schutz der Königin ausgebildet wurde und im Schatten jeglichen Wissens darüber die Fäden zieht und Assassinen beseitigt, bevor sie Sabran auch nur zu Nahe treten können. Ein Angriff von als Wyrm bezeichneten Drachen verändert alle Pläne.

In einem anderen Teil der Welt haben Drachen einen ganz anderen Stellenwert. Sie werden verehrt und als Partner für die dortige Armee ausgebildet. Gegensätzliche Weltanschauungen, die bisher zu einer Spaltung der Welt kamen. Um die Auferstehung des Einen zu verhindern werden sie zusammen arbeiten müssen. Doch die Kluft zwischen ihnen ist so groß, dass es fraglich bleibt, ob dieses Ziel am Ende erreicht werden kann.

Die Schreibe Shannons ist fantastisch. Spannend, fantasievoll, ideenreich und flüssig. Trotz der komplexen Ideen verstrickt sie sich nicht in ihre Gedanken und überrascht mich immer wieder mit Handlungen, die ich nicht vorausahnen konnte. Mit ihren Figuren ist sie nicht zimperlich. Manches Mal litt ich mit, wenn der Tod eines geliebten Menschen beweint und tiefe Wunden geschlagen wurden. Shannon stellt die großen Frage danach, ob es nicht mehr gibt, das die Menschen ihrer (oder vielleicht ach unserer) Welt eint, als dass sie durch Unterschiede getrennt werden.

Eine große Leseempfehlung für Shannons spannenden Fantasyepos "Der Orden des geheimen Baumes".


Buchinfo:

Penhaligon (2020)
544 Seiten
Hardcover jeweils 20,00 €
Übersetzung: Wolfgang Thon


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner

25.08.21

Die Highlanderin | Eva Fellner

 


Island 1289: Bei einem Schiffsunglück gerät Enja in die Fänge von Menschenhändlern. Sie wird in den Orient entführt und dort zur Assassinin ausgebildet. Als junge Frau sucht sie ihre Wurzeln und macht sich auf den langen Weg nach Schottland, wo in den Highlands ein erbitterter Krieg zwischen den Clans und den Engländern tobt. Als Enja bei einem Angriff schwer verletzt wird, rettet sie ausgerechnet der Clanführer James Douglas. Auf seiner Burg kommt sie wieder zu Kräften. Sie ist fasziniert von James, und als er in englische Gefangenschaft gerät, unternimmt Enja alles, um ihn zu retten – obwohl sie sich damit einen mächtigen Feind macht: den englischen König.

Die hochspannende Geschichte einer furchtlosen Heldin vor der Kulisse der Schottischen Unabhängigkeitskriege.
(Text & Cover: © Aufbau; Foto: © N. Eppner)


Eine mutige Heldin in malerischem, aber sehr gefährlichem Setting. 

Enjas Leben beginnt in Island. Ihre Mutter ist überzeugt, dass Enja etwas besonderes ist und gibt ihr diese starke Macht, den Glauben daran etwas verändern zu können, mit auf ihren Lebensweg. Dieser geht einen eigentümlichen Weg, als Enja in die Hände von Menschenhändlerin gerät und im Orient landet. Dort stößt sie mit ihrem dicken Kopf an und muss die harte Hand eines Männergeführten Lebens spüren. Doch Enja lässt sich nicht unterkriegen, flieht und landet in Schottland. Inmitten der Fehden zwischen England und Schottland.

Enja ist eine Heldin, die von ihren Leser:innen gemocht wird. Mutig, dickköpfig, empathisch und gerecht. Autorin Eva Fellner stattet die junge Isländerin mit Eigenschaften aus, die in der Zeit, in der die Protagonistin nicht gerade wünschenswert für eine Frau sind. Das bekommt Enja auch zu spüren und kämpft mit all ihren Fähigkeiten dagegen an. Kühn geht sie ihren Weg, der zwar ab einem gewissen Zeitpunkt von einem männlichen Protagonisten begleitet wird, der Enjas Figur aber nicht herab degradiert, wie es in historischen Romanen oftmals der Fall ist. Enja bleibt eine eigenständige starke Persönlichkeit.

Die Schreibe der Autorin ist leicht und flüssig und so fliege ich durch die rund 500 Seiten. Die Reise in die Vergangenheit ist eine große Freude und spannend erzählt. Kleiner Kritikpunkt ist, dass die Sprache nicht unbedingt an die damalige Zeit angepasst ist. Die Autorin gibt eine Erklärung dazu, warum sie sich nicht immer an die Originalsprache hält, aber da geht es um die Aussprache und nicht den Ton, der dann Einfluss auf die historische Atmosphäre nimmt. 

"Die Highlanderin" ist nicht so komplex wie manch andere historische Romane, aber der Sprung zwischen den verschiedenen Ebenen lässt die Spannungsbögen immer wieder wachsen. Ergänzt durch die Handlung, die Enja immer wieder in schwierige Situationen gleiten lässt, wird "Die Highlanderin" zu einem lockeren Lesevergnügen.


Buchinfo:

Aufbau (2021)
505 Seiten
Taschenbuch 15,00 €


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner

16.08.21

Wer ist Edward Moon? | Sarah Crossan



 

Joe hat seinen Bruder seit zehn Jahren nicht gesehen, und das aus dem schlimmsten aller Gründe: Ed sitzt in der Todeszelle. Aber jetzt wurde Eds Hinrichtungsdatum festgelegt und Joe ist wild entschlossen, diese letzten Wochen mit seinem Bruder zu verbringen, egal, was andere Leute denken …

Geschrieben von Carnegie Medal-Gewinnerin Sarah Crossan, wirft dieser ergreifende, aufwühlende, großherzige Roman wichtige Fragen auf: Welchen Wert misst man dem Leben bei? Was kann man vergeben? Und wie nimmt man Abschied voneinander?
(Text & Cover: ©Mixtvison; Foto: ©N. Eppner)

"Wer ist Edward Moon?" ist ein absolut großartiges, sehr bewegendes Buch, das sich in eine Reihe sehr lesenswerter Romane der Autorin Sarah Crossan einreihen kann. 

Joes älterer Bruder Ed sitzt in der Todeszelle. Wie auch seine Schwester, glaubt Joe an die Unschuld von Ed, die dieser immer wieder beteuert. Die Fakten scheinen jedoch gegen ihn zu sprechen. Als Eds Hinrichtungsdatum festgelegt wird, unternimmt Joe eine Reise zum Gefängnis, um sich von Ed zu verabschieden.

Auch im Nachhinein kommen mir fast noch die Tränen, wenn ich an Joes und Eds Geschichte denke. Ihre Lebenswege sind schwierig. Von der Mutter vernachlässigt, als wertlos angesehen, scheint der Werdegang in die Kriminalität vorherbestimmt. 

Sarah Crossan gelingt es die Komplexität von unsicheren, (psych.) Gewalt belasteten Beziehungen darzustellen, wie es selten in Romanen gelingt. Es gibt kein Schema F menschlicher Verhaltensmuster, kein System nach dem unsere Gefühle funktionieren. Es gibt Faktoren, die ein bestimmtes Handeln hervorrufen können, aber nicht müssen und es gibt die Menschen, die sich in keine Muster einreihen.

Es ist mehr als bewegend wie Joe auf seine Familie reagiert und wie er mit dem Abschied seines Bruders umgeht. Dessen Schuld oder Nicht-Schuld. Seinem eigenen Wunsch nach einem Leben, in dem es keinen Bruder im Knast gibt, in dem er einfach nur Joe ist, der seine eigene Geschichte schreiben kann, und dem Wunsch einen Bruder zu haben, der seine Jugend nachholen und sein Leben weiterleben kann. 

Crossan hat mich tief bewegt. Mit ihren kraftvollen Worten über Verantwortung und Verlust, über Familie und Verbundenheit, über Abschied und Hoffnung. Ich lese ihre Kritik am Rechtssystem, das die Todesstrafe für legitim hält und sehe ihr Eintreten für jene, die mit wenig Liebe aufgewachsen sind. Ich kann mit eigenen Worten nicht wiedergeben was für ein großartiges, herzergreifendes Buch sie geschrieben hat. Zu Recht gewann "Wer ist Edward Moon?" den Deutscher Jugendliteraturpreis 2020. Große Leseempfehlung für Joes und Edwards Geschichte und alle anderen Bücher von Sarah Crossan.


Buchinfo:

400 Seiten
Hardcover 17,00 €
Übersetzung: Cordula Setsman
ab 14 Jahre


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner



22.06.21

Der Wind singt unser Lied | Meike Werkmeister



 

Die Weltenbummlerin Toni ist überall und nirgends zu Hause – bis ein Anruf ihres Vaters sie zurück an die Nordsee führt. St. Peter-Ording mit seinen hübschen Reetdachhäusern und dem kilometerlangen Sandstrand ist für viele das Paradies auf Erden. Doch Toni hat sich hier, wo der Wind das ganze Jahr um die Häuser pfeift, nie richtig wohlgefühlt. Auch jetzt macht ihre alte Heimat es ihr nicht leicht. Ihre Eltern werden immer schrulliger, und alles erinnert sie an ihre erste große Liebe. Während sie auf dem Ferienhof der Familie aushilft, begreift Toni, dass sie das Leben anpacken muss, um ihm eine neue Richtung zu geben. Und dabei ist sie nicht allein …
(Text & Cover: Goldmann; Foto: © N. Eppner)

Hach, ich liebe die Romane von Meike Werkmeister. Sie vermitteln mir schon auf den ersten Seiten ein Gefühl von Wärme, Heimat und Freundschaft. Obwohl ich mich eher in den Bergen, als am Meer Zuhause fühle, bekomme ich jedes Mal eine große Seesucht, wenn ich in Meikes Geschichten eintauche. 

"Der Wind singt unser Lied" gehört zu einer Reihe an Büchern, die unabhängig voneinander gelesen werden können, aber durch eine Gruppe befreundeter Frauen miteinander verbunden werden. Daher kehren einige Figuren immer wieder und das Eintauchen in die Romane ist wie ein Treffen mit langjährigen Freunden. 

Weltenbummlerin Toni kannte ich schon aus "Über dem Meer tanzt das Licht". Darin war sie mir eigentlich nicht so sympathisch. Doch im Kreise ihrer Familie hat sie sich zu einer meiner Lieblingsfiguren entwickelt und ihre Geschichte zu einem meiner Highlights in 2021. 

Tonis Geschichte ist mitten aus dem Leben gegriffen und mit einer herzerwärmenden Tiefe erzählt. Früher hatte sie eine enge Bindung zu ihrer Schwester, doch dann ist sie von Zuhause abgehauen und jetzt gibt es eine schwer zu greifende Kluft zwischen den beiden. Caro hat eine eigene Familie und eigene Probleme, zu denen Toni nicht mehr den Zugang findet wie früher. Auch die Schwierigkeiten mit den Eltern scheinen mit dem Erwachsen sein nicht weniger zu werden, als zu Teenagerzeiten. 

Zurück in der Heimat wird Toni mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert. Ob davonlaufen immer so eine gute Idee ist oder ob es an der Zeit ist, sich dem zu stellen, um im hier und jetzt leben und glücklich werden zu können. 

Meike Werkmeister greift Themen auf, die sehr gut zum aktuellen Trend der Selbstfürsorge passen, aber auch Alltagsprobleme, die wir alle aus dem familiären Miteinander kennen. In ihrer lockeren Art verpackt sie diese zu einem emotionalen Wohlfühlerlebnis. Selfcare at its best ist Lesezeit mit Meike Werkmeister.


Buchinfo:

Goldmann (2021)
464 Seiten
Taschenbuch 11,00 €

Chronologische Reihenfolge:

2. Über dem Meer tanzt das Licht
3. Der Wind singt unser Lied


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner

15.06.21

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid - Alena Schröder





 

In Berlin tobt das Leben, nur die 27-jährige Hannah spürt, dass ihres noch nicht angefangen hat. Ihre Großmutter Evelyn hingegen kann nach beinahe hundert Jahren das Ende kaum erwarten. Ein Brief aus Israel verändert alles. Darin wird Evelyn als Erbin eines geraubten und verschollenen Kunstvermögens ausgewiesen. Die alte Frau aber hüllt sich in Schweigen. Warum weiß Hannah nichts von der jüdischen Familie? Und weshalb weigert sich ihre einzige lebende Verwandte, über die Vergangenheit und besonders über ihre Mutter Senta zu sprechen?

Die Spur der Bilder führt zurück in die 20er Jahre, zu einem eigensinnigen Mädchen. Gefangen in einer Ehe mit einem hochdekorierten Fliegerhelden, lässt Senta alles zurück, um frei zu sein. Doch es brechen dunkle Zeiten an.
(Text & Cover: ©dtv; Foto: ©N. Eppner)

Auf den ersten Blick sprach mich "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" gar nicht so an, weil ich in der letzten Zeit viele Bücher zum Thema Zweiter Weltkrieg gelesen habe, aber dann sah ich die Buchpremiere mit der Autorin und Buchhändlerin Sarah Reul auf Instagram und war begeistert vom Buch und der Autorin. Alena Schröder geht ganz anders an die Geschichte heran, als ich es bisher kannte. Weniger romantisiert, weniger pathetisch, viel mehr den einzelnen Menschen im Blick haltend, den Fokus auf Einzelschicksale richtend. Vielleicht ist es ihr Hintergrund als Journalistin, der sie bei jeder Figur so in die Tiefe gehen lässt.

Erzählt wird der Roman auf zwei Ebenen. Wir begleiten die 27-jährige Hannah, die sich gerade irgendwie in der Schwebe befindet. Stehend im Prozess des Lebens. Angefangene Doktorarbeit, Affäre mit dem verheirateten Doktorvater, schwierige familiäre Vergangenheit und Oma Evelyn im Altersheim. Als ein Brief aus Israel eintrifft, versucht sie die Geheimnisse von Evelyns Kindheit und Jugend zu ergründen. Mehr zu erfahren über deren Mutter, die tot geschwiegen wird. Doch Evelyn, die als junge Frau selbstständig sein und Kampfgeist beweisen musste, ist ein harter Brocken. Sie möchte die Vergangenheit ruhen lassen, die nun eh nicht mehr zu ändern ist, und den Schmerz nicht wieder aufbrechen lassen.

"Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" ist so spannend geschrieben, dass ich es innerhalb von zwei Tagen durchlas. Es sind vor allem die Figuren, denen Schröder mich so nahe bringen konnte, die mich fesselten. Aber auch die Gedanken, die von der Autorin angestoßen wurde. Immer wieder das was wir seit Generationen in uns tragen, das uns beeinflusst, ohne dass wir vielleicht davon wissen. Gerade die Kriegskinder und -enkel tragen oftmals schwere Lasten auf sich. Bedingt durch erschütternde Erlebnisse, aber auch durch die Konventionen, Leitlinien und Denkweisen ihrer Zeit. Die Trennung von einem Fliegerhelden war eine unverzeihliche Handlung.

Schröder fordert auf eigene Denkmuster zu hinterfragen. Im Mittelpunkt steht die Frage nach Gut und Böse. Ist es gut ein Kind ohne Mutter zu versorgen? Oder ist es böse gleichzeitig ein ganzes Volk zu hassen? Ist es Böse das eigene Kind zurückzulassen oder gut eigene Bedürfnisse und Nöte zu erkennen? Gerade in Bezug auf den Nationalsozialismus ist die Frage nach Gut und Böse etwas, das ganze Generationen beschäftigt und belastet.

Alena Schröders Schreibe hat mich so sehr abgeholt. Der Ernst, mit dem sie Hannahs Krise behandelt, und natürlich ihre Lebensgeschichte aufarbeitet, aber auch der ironisch trockene Humor, mit denen sie über andere Figuren schreibt. Wie sie jedem Charakter einen eigenen Ton verleiht, der dynamisch ist und zu Situation und Veränderung der Perspektiven passt. 

Eine große Leseempfehlung für "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid.


Buchinfo:

Hardcover 22,00 €
368 Seiten


Rezensionen: ©2021, Nanni Eppner

11.06.21

Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte | T. J. Klune



 

Linus Baker ist ein vorbildlicher Beamter. Seit Jahrzehnten arbeitet er in der Sonderabteilung des Jugendamtes, die für das Wohlergehen magisch begabter Kinder und Jugendlicher zuständig ist. Nie war er auch nur einen Tag krank, und das Regelwerk der Behörde ist seine Gute-Nacht-Lektüre. Linus' eintöniges Dasein ändert sich schlagartig, als er auf eine geheime Mission geschickt wird. Er soll das Waisenhaus eines gewissen Mr. Parnassus', das sich auf einer abgelegenen Insel befindet, genauer unter die Lupe nehmen. Kaum dort angekommen, stellt Linus fest, dass Mr. Parnassus' Schützlinge eher etwas speziell sind – einer von ihnen ist möglicherweise sogar der Sohn des Teufels! In diesem Heim kommt Linus mit seinem Regelwerk und seiner Vorliebe für Vorschriften nicht weit, das merkt er schnell. Eher widerwillig lässt er sich auf dieses magische Abenteuer ein, das ihn auf der Insel erwartet, und erfährt dabei die größte Überraschung seines Lebens ...
(Text & Cover: ©Heyne; Foto: ©N. Eppner)

Don't judge a book by it's cover... das hat mir der Heyne Verlag eindrücklich bewiesen. Ich wollte Mr. Parnassus nämlich ursprünglich überhaupt nicht lesen, weil ich das Cover nicht mochte und ganz oberflächlich davon ausging, dass es deshalb keine gute Geschichte sei. Was hätte ich nur verpasst!! Glücklicherweise konnten mich einige Blogger:innen davon überzeugen, dass es ein absolutes Highlight ist. Dem kann ich absolut zustimmen.

Ich glaube ich habe noch keine Geschichte aus dem Fantasygenre gelesen, die so herzig ist. Von den Charakteren über das Setting bis hin zur Handlung ist einfach alles liebenswert. 

Linus Baker lebt seit Jahren nur für seinen Job. Er hält sich an alle Regeln und Vorschriften (davon gibt es ziemlich viele) und führt seine Arbeit sehr gewissenhaft aus. In seiner Tätigkeit als Prüfer von Heimen für magische Kinder und Jugendliche trägt er eine große Verantwortung für das Wohlergehen des magischen Nachwuchses, der sicherheitshalber in Heimen untergebracht ist, um die normalen Mitmenschen nicht zu gefährden. 

Für Linus Baker eine ernste Angelegenheit, für mich als Leserin so absurd, dass ich ihn schütteln und aufwecken möchte. Linus, siehst du denn nicht, dass es rassistische Handlungen übelster Sorte sind? Eine sehr ernste Thematik, die mir während des Lesens durchaus bewusst ist und von Klunes sarkastischem Unterton untermalt wird. Und trotzdem ist die Geschichte von einem tollen Humor und Herzlichkeit gezeichnet.

Als Linus Baker einen Sonderauftrag auf einer abgelegenen Insel erfüllen soll, trifft er auf magische Begabte der ganz besonderen Sorte. Unter ihnen der Sohn des Teufels, der Baker in regelmäßigen Abständen mit dem Höllenfeuer bedroht. Betreut werden die Kinder von Arthur Parnassus, einem so unglaublich sympathischen Pädagogen, der sein Herz öffnet für diejenigen, die Ablehnung erfahren. Die Bewohner des Heims sind zwar anders, als ihre Mitmenschen, aber es sind Kinder. Mit den gleichen Bedürfnissen und Ängsten, die alle Kinder haben.

Liebevoll, klug und sehr charmant schreibt Klune die Geschichte von Linus Baker, der in seinem Alltagstrott die wichtigen Dinge und vor allem sich selbst aus den Augen verloren hat. Er erkrankt am System, am Wunsch nach Leistung und Anerkennung und begegnet zum ersten Mal in seinem Leben etwas, das wohl als Hass bezeichnet werden kann. Aber auch der bedingungslosen Zuneigung, der Kraft der Freundschaft, des Miteinanders und der Fähigkeit offen und ohne Vorurteile auf andere zuzugehen. 

"Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte" ist watteweich und öffnet trotzdem die Augen für ein ernstes Thema. Auch, wenn ich nicht nur Wohlfühlgeschichten lesen könnte, ist Klunes Roman perfekt und holt mich (sozusagen als ehemalige Kollegin von Linus Baker) mit einer humorvollen Schreibe, absolut liebenswerten, aber ausgefallenen Charakteren und einer richtig guten Message total ab.


Buchinfo:

Heyne (2021)
480 Seiten
Paperback 14,99 €
Übersetzung: Charlotte Lungstrass-Kapfer


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner

07.06.21

Das Licht vergangener Tage | Nikoletta Kiss




Nichts kann uns aufhalten.

Budapest 1949: Als sich István und Rebeka das erste Mal begegnen, fühlen sie sich trotz ihrer Gegensätzlichkeit sofort zueinander hingezogen. Der mittellose Kunststudent schert sich nicht um gesellschaftliche Konventionen oder die Spielregeln des Kunstbetriebs. Sie hingegen kommt aus gutem Hause und träumt von einer glamourösen Karriere als Theaterschauspielerin. Doch dann überschlagen sich die politischen Ereignisse im sozialistischen Ungarn, und plötzlich geht es nicht mehr um arm und reich, sondern vielmehr um Leben und Tod …

Berlin 2017: Die junge Galeristin Anna kann ihr Glück kaum fassen, als ein Nachlassverwalter ihr ein kostbares Porträt eines namhaften ungarischen Malers übermittelt. Das Bild hat mehr mit ihr selbst und ihrer Familie zu tun, als Anna zunächst ahnt.
(Text & Cover: © Heyne; Foto: © N. Eppner)


Ich mag Familiengeschichten, die eine Verbindung über mehrere Generationen schaffen. Im Leben ist es oft so, dass es Wiederholungen in der Vita verwandter Personen gibt. Auch, wenn diese sich nicht gekannt haben bzw. wenn es keine Sozialisierung durch die ältere der beiden Personen gab. Manchmal liegt die Verbindung in den Genen, lässt sich ganz klar auf die DNA zurückführen. Aber manchmal wiederholen sich Handlungsmuster auf unerklärliche Weise.

Anna, Galeristin und Kunstliebhaberin, lebt ihr Leben in recht geordneten Bahnen. Sie genießt die Tage, in denen sich alles um Kunst dreht, ebenso wie die Tage mit ihrem Liebsten, die aufgrund der Fernbeziehung eher seltener, dafür aber umso intensiver sind. Anna mag ihre Freiheit, die sie sich dank einer gewissen Struktur erarbeiten konnte. Doch dann gerät ihr Leben aus den Fugen. Durch Ereignisse in der Gegenwart, aber auch durch ein rätselhaftes Gemälde aus der Vergangenheit, das eine Verbindung schafft zwischen dem was ist und dem was war.

Rebeka kommt aus gutem Hause. Ist wohlerzogen und strebt eine Karriere als Schauspielerin an, der dank der Verbindungen des angesehenen Vaters nichts im Wege zu stehen scheint. Doch dann ändert sich die politische Situation. Ihr Vater wird enteignet, er und Rebeka müssen innerhalb kürzester Zeit all ihr Hab und Gut hinter sich lassen. Rebeka bittet die zwei Männer um Hilfe, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen. Doch nur einer der beiden steht zu ihr...

Es war für mich etwas schwierig in die Geschichte hineinzufinden. Ich hatte das Gefühl, dass mir Vorkenntnisse fehlen über die Historie Ungarns, dass ich gar nicht so genau weiß in welcher Situation die Figuren sich befanden. Nach einer Weile konnte mich das Geschehen dann aber doch noch mitziehen. So wie alle Romane, die in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg spielen, trifft mich auch Nikoletta Kiss mit der Schwere, die diesem Jahrzehnt nachhängt. Willkür und Unmenschlichkeit, die auch in diesem Roman gezeichnet werden. Niemand bleibt verschont von dem was einst war.

Hier und da fühlte sich "Das Licht vergangener Tage" holprig an, was sicher auch am Thema liegt, aber auch an der Distanz, die zwischen mir und den Figuren lag und nicht so recht überwunden werden konnte. 


Buchinfo:

Heyne (Oktober 2019)
448 Seiten
Paperback 12,99 €


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner


29.05.21

Die Geschichte von Kat und Easy | Susann Pásztor





Vom Leben, wie es hätte sein können – und vom großen Glück, dass es anders gekommen ist als gedacht.
Sie sind nicht mehr die Teenager, deren Freundschaft vor einem halben Jahrhundert auf tragische Weise endete. Das wissen Kat und Easy, als sie sich auf Kreta treffen. Aber wer sind sie jetzt, und wer waren sie damals? 1973 wird ihr Jahr. Das schwört Kat ihrer Freundin Easy in der Silvesternacht, und nicht nur, weil sie bekifft sind. In den folgenden Monaten können sie viel von dem abhaken, was auf ihrer Liste steht. Sich zu verlieben, zum Beispiel. Unglücklicherweise in denselben Mann: Fripp arbeitet im Jugendzentrum, trägt karierte Hemden und kennt sich mit Hesse aus. Doch es ist nicht etwa die Eifersucht, die ihrer Freundschaft bald darauf ein jähes Ende setzt, sondern ein tragischer Unfall. Fast fünfzig Jahre später erhält Kat, die einen erfolgreichen Blog für Lebensberatung führt, eine Nachricht von Easy. In einem alten Haus an der Südküste Kretas treffen sie sich wieder und nehmen zwischen ausschweifenden Festen mit griechischen Nachbarn und rauschhaften Nächten am Strand das große Stück Leben in den Blick, das hinter ihnen liegt. Doch erst, als ein überraschender Besucher auf die Insel kommt, ist es ihnen möglich, sich der entscheidenden Frage zu stellen: Warum nur haben sie so unterschiedliche Erinnerungen an die Zeit mit Fripp? Mit einzigartigem Humor und psychologischer Scharfsicht erzählt Susann Pásztor von den wundervollen und schrecklichen Unwägbarkeiten des Lebens, und der Kunst, ihnen zu begegnen.
(Text & Cover: © Kiepenheuer & Witsch; Foto: © N. Eppner)

Beim Lesen von Susann Pásztors Roman "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" wusste ich, dass ich mehr von der Autorin lesen möchte. Es ist, als ob sie in eine Menschenmenge hinein geht, zwei oder mehrere Personen herausgreift und beginnt deren Lebensgeschichte aufzuschreiben. Es ist ihr Blick fürs Detail, für die kleinen Sehnsüchte, für die feinen Nuancen, die mich so begeistern. So, als könne sie den Menschen in die Seele schauen.

In ihrem Erzählstil kommt sie ganz ohne Action aus und weiß die kleinen Dinge des Alltags, die scheinbar banalen Abläufe des Lebens in Szene zu setzen. Clever, humorvoll, authentisch. 

"Die Geschichte von Kat und Easy" ist die Geschichte zweier Sommer. Schnittpunkte vieler Lebensgeschichten, die voneinander beeinflusst werden. In ihrer Jugend verbringen Kat und Easy, die bis dato noch Isi war, viel Zeit miteinander. Easy bewundert Kat. Ihre erwachsene Haltung, ihr Wissen darüber, wie das Leben so läuft. Kat bewundert Frippe. Möchte dazugehören und doch nicht. Individuell sein ist das non plus ultra. Gefallen wollen das, was tief drinnen der Antreiber ist. 

50 Jahre später treffen Kat und Easy wieder aufeinander. Easy hat ihre alte Freundin gesucht, hat sie nie vergessen, während Kat ihr Leben lebte, ohne einen Gedanken an Easy zu verschwenden. Doch jetzt sind sie beide da, auf dieser Insel in Griechenland, wo Easy scheinbar die Heimat gefunden hat, die sie jahrelang in Beziehungen suchte. Es ist ein Treffen zur Aufarbeitung dessen, was damals geschah. 1973, als viel zu viel gekifft wurde, Easy sich darin verlor erwachsen sein zu wollen und Kat in der Eloquenz Fripps. Dem jungen Mann, der ihrer beider Leben durcheinander wirbelte. 

Es hat etwas von Coming of Age, denn in meinem Bauch ist sofort dieses Gefühl des Erwachsen seins, das auch ich mit 15/16 hatte. Heute kann ich darüber lachen, früher wollte ich vor allem ernst genommen werden. Dazugehören, gefallen wollen. Den Freundinnen, denen, an denen wir unser Herz verloren, denen, von denen wir glaubten, dass wir ohne sie nicht leben könnten. In einer Zeit, in der wir von Theatralik und Sehnsüchten geleitet werden, gerieten Kat und Easy in eine Spirale, die sie fünfzig Jahre später noch begleitet.

Susann Pasztór springt zwischen den Zeiten. Erzählt mal aus den 70ern (in denen eindeutig zu viel gekifft wurde) und mal aus der Gegenwart. Ich weiß gar nicht, welche Ebene ich mehr mag. Beide faszinieren mich. Das Zusammenspiel beider Lebenszeiten ist es, was diese Geschichte so besonders, so fesselnd machen. Welche Abzweigungen im Leben sorgen dafür, dass wir dort landen, wo wir heute sind? Wie viel davon haben wir selbst in der Hand? Wo lassen wir uns mitreissen? Wo treiben? Belastet uns irgendwann ein "was wäre wenn?" oder gelingt es uns loszulassen? Abzuschließen? Zu verarbeiten?

Susann Pasztór hat mal wieder einen sehr klugen Roman geschrieben über eine Geschichte, die so tatsächlich hätte passiert sein können. Meiner Nachbarin, meiner Oma, der Mutter meiner besten Freundin. Eine Geschichte, die mich begeistert, mitnimmt, die mir Stoff zum Nachdenken bietet. Es lohnt sich sehr Kat und Easy kennenzulernen.


Buchinfo:

Kiepenheuer & Witsch (2021)
272 Seiten
Hardcover 


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner




11.05.21

Hier im echten Leben | Sara Pennypacker




 

Kann ein Träumer die Welt verändern?
Der einsame Junge Ware trifft Jolene, das Mädchen, das niemand haben will. Eine alte Kirchenruine wird ihnen beiden ein Zuhause. Als dieses bedroht wird, muss Ware sich entscheiden: Entweder er bleibt in seiner Traumwelt – oder er wagt es gemeinsam mit Jolene für das einzustehen, woran er im Leben glaubt.

Sara Pennypacker (Autorin von Dein SPIEGEL-Bestseller »Mein Freund Pax«) schildert, wie zwei Kinder, die sich verloren fühlen, über sich hinauswachsen – und erkennen, dass sie mit ihrem Einsatz die Welt zu einem besseren Ort machen können.
(Text & Cover: © S. Fischerverlage, Foto: © N. Eppner)

Es ist schon ein Weilchen her, dass mich Sara Pennypacker mit ihrem Debüt "Mein Freund Pax" begeistert hat. Und trotzdem ist es noch ganz fest in meinem Herzen verankert. Mit "Hier im echten Leben" hat sie nun gut nachgelegt. Es ist nicht so ein Herzensbuch wie Pax, aber dennoch wunderschön, lebt von Figuren, die sich abseits des Mainstreams bewegen und doch so sehr aus dem Leben gegriffen sind. 

Ware, der Junge, der immer ausbaden muss, dass seine Eltern nur das beste für ihn wollen. Ein gutes soziales Umfeld, eine gute Bildung, Normalität im Alltag und die besten Chancen im Leben. Das, was alle Eltern für ihre Kinder wollen. Manchmal vergessen sie allerdings, dass der Weg dorthin auch kindgerecht gestaltet und die Bedürfnisse der Kinder einbezogen werden sollten. 

Wares Eltern arbeiten unfassbar viel, um ihrem Sohn alles bieten zu können. Es fehlt ihnen an Zeit für ihr Kind und so darf Ware oft die Oma besuchen. Ausgerechnet vor den Sommerferien muss sie ins Krankenhaus und Ware soll die Zeit im Sommercamp verbringen. Darauf hat er absolut keine Lust, aber er weiß Diskussionen mit seinen Eltern sind sinnlos. Also tut er einfach nur so, als ob er ins Camp fahren würde, verbringt seine Freizeit aber bei einer alten Kirchenruine. 

Dort trifft er auf Jolene, die ihre Zeit mit dem Anbau von Obst und Gemüse verbringt und dieses hütet wie ihren Augapfel. Gemeinsam werden sie zu einer Symbiose aus zwei Jugendlichen, die der Welt der Erwachsenen entfliehen, weil sie dort nicht toleriert werden, so wie sie sind.

"Hier im echten Leben" ist als Jugendbuch veröffentlicht, ist von meiner Seite aus aber auch eine dringende Empfehlung für Erwachsene. Pennypacker verdeutlicht wie wichtig es ist Kindern / Jugendlichen zuzuhören, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und auch die eigene Wortwahl zu überdenken. Schnell entwickeln sich Glaubenssätze im kindlichen Verständnis, die sie in ihrer Eigen- und Fremdwahrnehmung beeinträchtigen oder dirigieren.

In jedem Fall ist "Hier im echten Leben" ein Buch, das Mut macht. Mut zu haben, um anders zu sein und auch, um eigene Ziele und Wünsche zu verfolgen und durchzusetzen. Auch wenn sie im ersten Moment verrückt klingen oder die Umsetzung schier unmöglich erscheint. Eine gute Freundin oder einen guten Freund an der Seite zu haben, ist dabei auf jeden Fall hilfreich.


Buchinfo:

Fischer Sauerländer (2021)
304 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag, 17,00 €
Übersetzung: Birgitt Kollmann
Illustration: Jonathan Klassen


Rezensionen © 2021, Nanni Eppner

27.04.21

Mädchen, Frau, etc | Barnardine Evaristo




Die Dramatikerin Amma steht kurz vor dem Durchbruch. In ihrer ersten Inszenierung am Londoner National Theatre setzt sie sich mit ihrer Identität als schwarze, lesbische Frau auseinander. Ihre gute Freundin Shirley hingegen ist nach jahrzehntelanger Arbeit an unterfinanzierten Londoner Schulen ausgebrannt. Carole hat Shirley, ihrer ehemaligen Lehrerin, viel zu verdanken, sie arbeitet inzwischen als erfolgreiche Investmentbankerin. Caroles Mutter Bummi will ebenfalls auf eigenen Füßen stehen und gründet eine Reinigungsfirma. Sie ist in Nigeria in armen Verhältnissen aufgewachsen und hat ihrer Tochter Carole aus guten Gründen einen englischen Vornamen gegeben.

Auch wenn die Frauen, ihre Rollen und Lebensgeschichten in Bernardine Evaristos Mädchen, Frau etc. sehr unterschiedlich sind, ihre Entscheidungen, ihre Kämpfe, ihre Fragen stehen niemals nur für sich, sie alle erzählen von dem Wunsch, einen Platz in dieser Welt zu finden.
(Text & Cover: © Klett Cotta; Foto: © N. Eppner)


Wenn ich nur einen Roman empfehlen könnte, den jeder Mensch, egal welchen Alters oder Geschlechts, lesen sollte, dann wäre es "Mädchen, Frau, etc."

Evaristo, die für ihren Roman als erste Schwarze Autorin mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, skizziert in "Mädchen, Frau, etc" verschiedene Lebenswege unterschiedlicher Frauen auf brutal ehrliche Weise. In offenen Worten und einem sehr eigensinnigem Schreibstil, der ganz ohne Kommata auskommt und in ein Prosohaftes Layout gedruckt wurde, drückt sie das aus, was Frauen, und ganz besonders Schwarzen Frauen, widerfährt.

Wir Frauen werden alle - und ja, das kann leider tatsächlich so verallgemeinert werden - mindestens einmal in unserem Leben Opfer der patriarchischen Gesellschaft. Sei es, indem wir durch veraltete Rollenbilder unter Druck gesetzt, in eine Opferrolle gedrängt oder nicht ernst genommen werden, sei es durch sexuelle Belästigung oder Missbrauch oder Diskriminierung. Evaristos Charaktere sind fast ausschließlich Schwarz. Sind einem nicht enden wollenden Rassismus ausgesetzt, der sich in kleinen Dingen des Alltags ebenso zeigt wie in offensichtlicher Diskriminierung. Ihre Geschichten reichen weit in die Vergangenheit und verbildlichen wie lächerlich lange an Denkmustern festgehalten wird.

Der Roman ist in verschiedene Abschnitte gegliedert. Jede weiblich genannte Figur hat ihre eigene Geschichte, die aber alle irgendwie irgendwo miteinander verknüpft sind. Menschen, die trotz vieler Risikofaktoren wie Gewalt, Diskriminierung, etc. , Resilienz aufbauen, ihrem Schicksal, ihren Neidern, ihren Widrigkeiten entgegen treten und ihr Leben selbstbestimmt in neue Bahnen lenken.

Ich glaube, ich habe lange keinen Roman mit solch einer Aufmerksamkeit, solch einer Genauigkeit gelesen. Obwohl mir viele der angesprochenen Themen bewusst sind, hat es mich immer wieder schockiert, womit wir als Frau, und ganz besonders als Schwarze Frau, kämpfen müssen, einzig, um einen ganz normalen Alltag führen zu können. 

Ganz besonders wünsche ich mir, dass das Buch von den Männern gelesen wird, denen keinesfalls bewusst ist, was unsere Lebenswege so sehr unterscheidet und dass sie sich maßgeblich an Veränderung beteiligen müssen. Aber auch von Frauen, um ihnen zu zeigen, dass es Alltag vieler Frauen ist und genau deshalb nicht so bleiben darf. Dass es eine Möglichkeit zur Veränderung gibt. Um das Bewusstsein zu schärfen, um Frauen sichtbar zu machen, bedarf es Bücher wie "Mädchen, Frau, etc.". Große Leseempfehlung!

Buchinfo:

Klett-Cotta Tropen (2021)
Hardcover 25,00 €
512 Seiten
Originaltitel: Women, Girl, other
Übersetzung: Tanja Handels


Rezensionen: © 2021, Nanni Eppner